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War Luther Antisemit?

Ende Januar 1546 unternahm Martin Luther seine letzte Reise, die ihn nach seiner Geburtsstadt Eisleben führte, wo er am 18. Februar starb. Unterwegs erlitt er bereits einen Herzinfarkt, von dem er seiner Frau Käthe vier Tage später brieflich berichtete: „Ich bin ja schwach gewesen auff dem weg hart vor Eisleben, Das war meine schuld. Aber wenn du werest da gewest, so hettestu gesagt, Es were der Juden oder ihres Gottes schuld gewest …“ Diese mittelalterliche judenfeindliche, oft bösartige bzw. misstrauische Haltung war im 16. Jahrhundert die allgemein verbreitete.

Die Ablehnung der Juden war religiös begründet, sie galten als Volk der „Gottesmörder“ (s. Mt 27,25), das in seiner „Verstocktheit“ Jesus von Nazareth nicht als den im „Alten Testament“ angekündigten Messias, den Christus, anerkennen wollte. Diese Feinseligkeit unterscheidet sich von dem modernen rassischen Antisemitismus, entstanden im 19. Jahrhundert, der „dem Juden“ unabänderliche Eigenschaften zuschreibt, die sich angeblich für die anderen Völker schädlich auswirken. Das Mittelalter – und so auch Luther – kannte keinen Rassismus, mit der Annahme des christlichen Glaubens waren Juden in die Kirche und Gesellschaft integriert. Das oft hasserfüllte Ressentiment gegenüber ihnen führte allerdings dazu, dass ihnen dennoch insgesamt negative Eigenschaften wie Verschlagenheit zugeschrieben wurden, aus denen beispielsweise ein Misstrauen gegen Konvertiten resultierte.

Luther hatte zu Juden außer ein paar vereinzelten Begegnungen mit Rabbinern keinen persönlichen Kontakt, in seinem städtischen Umfeld in Eisenach gab es keine Juden; vielerorts waren sie im Laufe des 15. Jahrhunderts vertrieben worden.

Luther sah im Judentum den größten Gegensatz zu seiner eigenen theologischen Entdeckung der Rechtfertigung allein durch den Glauben, vertrauend auf Gottes Barmherzigkeit und Gnade. Die Juden würden den Mittler Christus ablehnen und verharrten in der ihnen eigenen Gerechtigkeitslogik, durch die eigenen Werke vor Gott gerecht zu werden. Dementsprechend wollten sie auch nicht die Hinweise auf Christus im Alten Testament, der Hebräischen Bibel, erkennen. Die Auslegung des Alten Testaments auf Christus hin war dagegen das Hauptanliegen Luthers in seiner Tätigkeit als Professor in Wittenberg. Für ihn war das Alte Testament ein Buch, das nicht nur zahlreiche Hinweise auf Jesus als den verheißenen Messias, enthält, sondern von Anfang an Zeugnis von Christus gibt. Bereits im Schöpfungsbericht sah er das Wirken der Dreieinigkeit von Gott dem „Vater […], der durch den Sohn, den Moses das Wort nennt, Himmel und Erde aus dem Nichts“ schafft und dem heiligen Geist, der sich „über dieses Werk“ setzt.

Im Zuge der verschärften Auseinandersetzung mit der Papstkirche, der Verurteilung des Papstes als „Antichrist“, milderte sich Luthers Haltung gegenüber den Juden, er zeigte Verständnis für ihre Abwehrhaltung gegenüber Christen: „Und wenn ich eyn Jude gewesen were und hette solche toplpell und knebel gesehen den Christen glauben regirn und leren, so were ich ehe eyn saw worden denn eyn Christen“ schreibt er in seiner gewohnt drastischen Sprache (die wohl außer der Zeitbedingheit auch aus seiner Herkunft aus dem Bergarbeitermilieu herrührte). Wenn nun umgekehrt Juden respektiert werden, sie freundlich behandelt, ihnen alle Berufe zugänglich gemacht, um von Wuchergewerbe unabhängig zu sein, dann könnten sie offen für christliche Verkündigung sein. Um Christen dafür eine Handreichung zu geben, veröffentlichte Luther 1523 seiner erste große Judenschrift, deren Titel bereits Programm ist: Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei. Voraussetzung war, dass die Christen sich das Alte Testament zu Eigen machen, dies wurde zu einem Herzensbedürfnis Luthers. Nachdem im September 1522 die Übersetzung des Neuen Testaments gedruckt vorlag, erschienen 1523 die ersten fünf Bücher Mose der Übersetzung des Alten Testaments, denen im Lauf der Jahre die weiteren Bücher folgten. Damit glaubte Luther, der die nahe bevorstehende Wiederkunft Christi erwartete, sich im Einklang mit dem göttlichen Heilsplan zu befinden, wenn nach Paulus Worten am Ende der Zeiten „ganz Israel errettet“ wird (Röm 11,25–27). Die durch die Reformation erneuerte Kirche würde diesen Heilsplan unterstützen und den Juden den Weg zu Christus ebnen.

Diese Hoffnung erfüllte sich nicht, immer mehr erwies sich die Wirkungslosigkeit der reformatorischen Glaubensverkündigung gegenüber den Juden. Immer mehr kam Luther deshalb zu der Überzeugung, ihre „Verstocktheit“ sei nicht aufzuheben, sie stecke tief in ihnen, sei zu ihrer „natur worden und können nu nimmer anders tun“; sie seien deshalb „schlechts nicht zu bekehren“.

Diese Enttäuschung kam 20 Jahre nach seiner ersten großen Judenschrift zum Ausbruch. 1543 erschien seine zweite große, jetzt hasserfüllte, Judenschrift: Von den Juden und ihren Lügen. Seine Lebensumstände, zunehmende körperliche und seelische Leiden, nicht zuletzt nach dem frühen Tod seiner geliebten Tochter Magdalena im September 1542 und vor allem Furcht um den Bestand seines Lebenswerkes, prägen die Entstehung der Schrift. In den ersten beiden Teilen geht es um das angeblich falsch jüdische Verständnis des Messias, die Leugnung der angeblichen Offenkundigkeit der Hinweise des Alten Testaments und um die christliche Hebraistik der Humanisten, das Alte Testament nicht in der Luther gebührend erscheinenden Weise christlich zu interpretieren. Die christlichen Hebraisten würde sich auch nicht scheuen mit Rabbinern zusammenzuarbeiten. Im dritten Teil geht es um die Frage, wie die Christenheit mit dem „verworffenen, verdampten Volck der Jüden“ umgehen“ sollten. Zerstörung der Synagogen und Wohnhäuser, Vernichtung ihrer religiösen Schriften mitsamt der hebräischen Bibel, Verbot jüdischer Gottedienste, Beraubung ihrer Vermögen, Zwang zu körperlicher Arbeit, schließlich Vertreibung, Warnung vor barmherzigem Verhalten seitens Christen gegenüber Juden usw. Tötungen von Juden schloss Luther aus, man solle sich nicht an ihnen rächen, sie – ungeachtet ihrer ‚Bosheit‘ – „nicht totschlahen“.

Eine weite Verbreitung fand diese Schrift nicht, in publizistischer Hinsicht war sie die erfolgloseste von Luthers zahlreichen Judenschriften. Viele Zeitgenossen reagierten verständislos bis ablehnend, so beispielsweise der Zürcher Theologe Heinrich Bullinger. Andreas Osiander, der bedeutendste lutherische Hebraist, distanzierte sich in einem hebräischen Brief an den Grammatiker Elias Levita von Luther.

In den folgenden Jahrhunderten knüpfte die Haltung der evangelischen Kirchen im Bemühen um die Judenmission eher an Luthers Schrift Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei an – hier engagierte sich besonders der Pietismus. Einem breiten Publikum war Luthers große Schmähschrift nicht bekannt. Dies traf auch sicher für den jüdischen Konvertiten Heinrich Heine zu, sonst hätte er in seiner Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland von 1833/34 die Reformation gegenüber dem französischen Publikum nicht so preisen können. Im Wesentlichen war Von den Juden und ihren Lügen nur den Theologen bekannt und tickte als Zeitbombe in den Werkausgaben von Luther. Erst als im 19. und besonders im 20. Jahrhundert eine große Anzahl evangelischer Theologen bis hinein in die Bekennende Kirche eine mehr oder weniger offen antisemitische Haltung einnahm und der dritte Teil dieser Hetzschrift fester Bestandteil der Nazipropaganda wurde – an der Frage der Messianität Jesu hatte sie natürlich kein Interesse – zeigte sich ihre fatale Wirkung. So wurde auch der Ruf Luthers in der Öffentlichkeit als Antisemit – was er im Verständnis des rassischen Antisemitismus nicht war – mehr oder weniger durch diese Schrift bestimmt und seine Lebensleistung verdunkelt.

Günther Matthes

Eine gründliche Darstellung von Luthers Verhältnis zum Judentum bringt die Studie Luthers Juden des Göttinger Kirchenhistorikers Thomas Kaufmann.
Dietzingen (Philipp Reclam jun.) 2015 2, 22,95 €.

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