Willkommen | Begegnungs-Café in unserem Garten

Begegnungs-Café in unserem Garten

Die Flüchtlinge sind angekommen und nun unter uns. Dies sind zu allererst Menschen, alleinstehend oder mit Familie/Angehörigen, die Krieg und Verfolgung zu unseren neuen Nachbarn gemacht haben. Und jede/r von ihnen ist ein Individuum, die/der das Recht hat, als solches mit Würde behandelt und nicht mit Vorurteilen abgestempelt oder ausgegrenzt zu werden. Und nicht verantwortlich sind für die von Politikern, Journalisten u. a. sowie in Internet-Foren diskutierten Fluchtursachen in ihren jeweiligen Heimatländern.
Im alten C & A-Gebäude, gegenüber der ehemaligen Post, Karl-Marx- / Ecke Anzengruber Str., sind derzeit rund 300 Menschen untergebracht, betreut von den Maltesern, bewacht und beschützt von Security vornehmlich mit Migrationshintergrund. Die Flüchtlinge sind kaum sichtbar, zumeist nur die Raucher, die sich am Eingang aufhalten. An den wenigen Fenstern sieht man Einzelne, die gedankenverloren in den blauen Himmel schauen oder Selfies von sich machen. Früher hieß es, Fotos werden „geschossen“ – dieses Verb verbietet sich hier vor dem Hintergrund der traumatisierten Menschen, die vor Krieg und Verfolgung nach Europa flüchteten. Rauchen, Selfies – die Flüchtlinge sind tatsächlich angekommen bei uns.

Ich stelle mir vor, was ich mir in dieser Situation am meisten wünschen würde. Neben Sicherheit; Unterkunft und täglichem Essen gehört doch sicherlich noch mehr zum Leben: Gelegenheit, den Lebensunterhalt für mich und die meinen ganz oder zum größten Teil selbst zu verdienen. Ebenso Wahrnehmung meiner selbst als einem Menschen in Bedrängnis und Not – und auch, dass ich der hiesigen Bevölkerung nichts wegnehmen will oder werde. Ohne ständige Angst um meine Angehörigen und davor, irgendwann zwangsweise mit diesen abgeschoben zu werden. Eine kurz- und mittelfristige Perspektive mit der Möglichkeit, mit und zu meiner Familie irgendwann zurückzugehen (was aber nicht wörtlich gemeint ist) in die Heimat.
Auf die Frage, was für sie wichtig sei, erzählen die Heimbewohner: Deutschen zu begegnen, Deutsche kennenzulernen. Eine Wohnung zu finden. Die deutsche Sprache zu erlernen. WLAN, also der Zugang zum Internet (zur besseren Kommunikation mit ihren Angehörigen in der Heimat). All dies wäre auch mir bedeutsam in der Fremde, hier unter uns. Unwillkürlich erinnere ich mich der traditionellen, überaus herzlichen Gastfreundschaft während meiner häufigen Reisen in Länder am östlichen Mittelmeer, in denen ich nicht ständig wegen meiner Kleidung oder Religion beargwöhnt und danach gefragt wurde, warum ich dort und nicht in meiner Heimat sei. In diesen Kulturen kennt und lebt man die Vielfalt viel länger und selbstverständlicher, als wir dies gewohnt sind.

Kürzlich hat Herr Froese mit seiner Initiative ein wichtiges Projekt gestartet, dem sich auch unsere Gemeinde angeschlossen hat: Zusammen mit der Brüdergemeine und der Gemeinde St. Richard wollen wir regelmäßige Treffen mit unseren neuen Nachbarn durchführen zum zwanglosen Kennenlernen. Aus Gründen der Nähe zum alten C & A-Haus bot sich unser Garten hierfür geradezu an. Unsere erste Veranstaltung dieser Art fand am 13. September bei bestem Wetter und ebensolcher Stimmung statt; sie wurde von etwa 40 Personen besucht. Bei Sport und Spiel fanden Kinder wie Erwachsene schnell zueinander. Zuvor hatte die Brüdergemeine in ihren Garten eingeladen; daran nahmen rund 100 Gäste teil.
Mir bedeutet diese Initiative viel, nicht zuletzt vor dem Hintergrund unserer Gemeinde als einer ehemaligen böhmischen Flüchtlingsgemeinde. Diese Erinnerung nicht zu verdrängen und das Gebot der Nächstenliebe auch im Alltag und nachbarschaftlichen Miteinander zu pflegen, beides ist mir ein Bedürfnis. Ich weiß nicht, was diese Treffen unseren Gästen bedeuten. Aber es ist sicherlich ein für alle Beteiligten wichtiger, erster Schritt, damit sich Einheimische und Geflüchtete „auf Augenhöhe“ begegnen und (so gut es die Sprachbarriere erlaubt) austauschen. Und damit wechselseitig auch Ängste und Vorurteile abbauen können.

Wenn Sie erfahren möchten, wie das „Begegnungs-Café“ und die anderen geplanten Treffen ablaufen und was diese auch Ihnen bringen können, kommen Sie doch einmal selbst. Bei Rückfragen zu den Terminen und zu weiteren Informationen, wie Sie sich einbringen können, wenden Sie sich bitte an Ben Froese unter mb.froese@hotmail.com oder das Presbyterium der Bethlehemsgemeinde. So besteht regelmäßig Bedarf an Kuchen- und Zeitspenden – helfende Hände und kommunikative Mitmenschen werden immer gebraucht.


Peter Laborenz

 

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