Willkommen | Eine Sammlung Liebeslieder in der Bibel – das Hohelied

Eine Sammlung Liebeslieder in der Bibel – das Hohelied

Der Buchtitel ‚Hohelied‘ ist eine der schönen Wortschöpfungen in Martin Luthers Bibelübersetzung, seine Übertragung des hebräischen Originaltitels shir ha-shirim –
– wörtlich: Lied der Lieder, also: das allerschönste Lied. Es ist eine Sammlung von Liebesliedern, zum größten Teil in direkter Rede von einer jungen Frau und einem jungen Mann vorgetragen. Sie wurde im Rahmen der Weisheitsliteratur in den biblischen Kanon aufgenommen und steht dort im vierten und letzten Teil Schrifttum (hebr. ketubim); im christlichen Alten Testament findet sie sich im mittleren Teil.
Wahrscheinlich wurde aufgrund des eher weltlichen als religiösen Inhalts die Autorität des wegen seiner Weisheit (wie seines Reichtums) legendären israelischen Königs Salomo als Verfasser bemüht. Das haben diese Liebeslieder mit den beiden anderen Büchern unter derselben (fiktiven) Autorenschaft gemeinsam: Dem Buch der Sprüche (hebr. mischle) – Sprichwörtern, praktisch-philosophischen Le­­bens­weisheiten – und dem Buch Prediger (auch ein Ausdruck Luthers; hebr. kohelet) – einer pessimistisch gestimmten Betrachtung menschlicher Existenz in einer, wenn überhaupt, nur schwer begreifbaren Welt.

In dem Buch Hohelied schildern eine junge Frau ihre Sehnsucht nach dem Geliebten und die Vereinigung mit ihm und ein junger Mann seine Sehnsucht nach der Geliebten und ihre Zusammengehörigkeit; wechselseitig sprechen sie ihre Bewunderung für­ein­ander aus.
Höhepunkt des Buches ist ein Preislied auf die überwältigende Macht der Liebe: „Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz / so wie das Siegel, dir am Arm // Denn stark wie der Tod ist die Liebe / hart wie das Totenreich die Leidenschaft // Ihre Glut ist feurig / ein Gottesflammen. (Hld 8,6)
Bei den Gedichten des Hohelieds handelt es sich um anonymes Liedgut unterschiedlichen Alters. Ihre Zusammenfassung in einem Buch wird aufgrund persischer und griechischer Lehnwörter im allgemeinen auf das 3. Jh. v. Chr. datiert. Unter Einfluss der hellenistischen Lyrik besann man sich in dieser Zeit in Israel auf die eigene lyrische Tradition. Die Texte spielen sowohl im ländlichen (die Geliebte ein Hirtenmädchen) als auch im städtischen Milieu. Ungefähr die Hälfte sind Hochzeitslieder, kenntlich an der Bezeichnung ‚König‘, für den Geliebten als Bräutigam, ebenso an die Bezeichnungen ‚Schwester‘ und ‚Bruder‘ für Braut und Bräutigam.
Die hebräische Lyrik kennt so gut wie keine Reime. Charakteristisch ist hingegen der parallelismus membrorum, eine aus zwei Halbversen bestehende poetische Form, deren Halbverse in formaler wie inhaltlicher Parallelität zueinander stehen; beispielsweise: „Sieh doch, dahin ist der Winter / vorbei, vorüber der Regen.“ (Hld 2,11)

Der weltliche Inhalt des Hohelieds wird in der jüdischen Tradition sinnbildlich (allegorisch) für die Beziehung Gottes zu seinem Volk Israel als Liebesverhältnis, Brautschaft und Ehe ausgelegt. Der (heilige) Gottesname kommt im Buch nicht vor. Seinen Platz in der Liturgie des Synagogengottesdienstes hat es unter den Festrollen (hebr. megilloth) des Passahfestes (hebr. pessach) – dem Gedenken an die Befreiung des Volkes Israel aus der ägyptischen Knechtschaft. Dabei passt die Jahreszeit, in der das Fest gefeiert wird, zur frühlingshaften Poesie der Lieder. (In diesem Jahr wird Passah vom 11.–18. April gefeiert, parallel zu Ostern.)
Das Christentum übernahm die jüdische allegorische Auslegung und erweiterte sie im Sinne der Beziehung von Christus zu seiner Gemeinde. Mit dem Kirchenvater Origines († 254) setzte eine neue, mystische Interpretation ein: das Gegenüber von Gottes Wort und der Einzelseele des Menschen. Aus diesem Ansatz entwickelte sich die christliche Brautmystik – die Liebesvermählung der Menschenseele mit Gott –, die im 12. Jh. in den Hoheliedpredigten, den 86 Sermones, des Bern­hard von Clairvaux († 1153) ihren wirkungsvollsten Ausdruck fand.

Beginn des Hohelieds aus dem Machsor Lipsiae, oberrheinisch, Anfang 14. Jh. ‚Machsor‘ ist die Bezeichnung für ein Gebetbuch aller hohen Feiertage des Jahres
Beginn des Hohelieds aus dem Machsor Lipsiae, oberrheinisch, Anfang 14. Jh. ‚Machsor‘ ist die Bezeichnung für ein Gebetbuch aller hohen Feiertage des Jahres


Standen weltliche und religiöse Interpretation des Hohelieds anfangs noch gleichberechtigt nebeneinander, so galt vielen im 3. Jh. n. Chr. wegen seines erotischen Inhalts das Hohelied zunehmend als anstößig, manche wollten es (wie den Prediger) aus dem biblischen Kanon entfernen. Der weltliche Gebrauch, wie das Singen auf Hochzeiten, wurde verboten. Die allegorische Deutung wurde bestimmend. Erst mit der Aufklärung setzte eine weltlich-literarische Würdigung ein, wie beispielsweise durch Johann Gottfried Herders Sammlung ‚Lieder der Liebe: Die ältesten und schönsten aus Morgenlande ‘ von 1778.

War in früheren Zeiten die weltliche Aneignung des Hohelieds umstritten, so ist es heutzutage die religiöse, allegorische. So meint die reformierte Theologin Silvia Schroer: „Das Hohelied ist ein Lobpreis auf die Schöpfung, hier werden Sexualität und Erotik als eine wunderbare Gabe der Natur und damit Gottes gewürdigt. … Ich will kein Zurück zur allegorischen Deutung, das wäre ein Rückfall in alte Denkmuster, die wir längst als frauen-, leib- und sexualfeindlich entlarvt haben.“ Ihr katholischer Kollege Ludger Schwienhorst-Schönberger hat dagegen nichts gegen eine allegorische Interpretation, benutzt doch das Neue Testament im Blick auf Christus und das Verhältnis Gottes zu den Menschen die poetischen Bilder von Braut und Bräutigam und von der für Christen geltenden Einheit von Altem und Neuem Testament ist auszugehen. Der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani, selber Muslim, findet die erotische Liebe eine sehr schöne Allegorie des Verhältnisses Gott Mensch(en).
Soll es nicht möglich sein, die weltliche und allegorische Aneignung des Hohelieds nebeneinander stehen zu lassen, wie es offensichtlich in der Frühzeit üblich war? Können wir etwa mit unserer modernen, emanzipierten Sichtweise die liturgische Lesung des Hohelieds beim Passahfest – die in dem allegorischen Verständnis gründet – als „frauen-, leib- und sexualfeindlich“ kritisieren? Eine solche Kritik mutete allerdings eher ideologisch als spirituell an und wäre wieder mal ein Indiz dafür, wie sehr die Evangelische Kirche dem Zeitgeist hinterher läuft.

Günther Matthes

 

 

 

 

 

 

 

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