Willkommen | Luther – und kein Ende?

Luther – und kein Ende?

„Am Anfang war das Wort“, steht über einem markanten Kopf mit Doktorhut, darunter in mindestens doppelt so großen Buchstaben: „Luther 2017“. Auf dem Heilbronner Marktplatz, auf dem ich einige Passanten frage, worauf sich denn der Spruch beziehen würde, sieht man mich verwundert an. Die meisten haben das riesige Plakat an der Kilianskirche gar nicht bemerkt. Manche wissen dann doch eine Antwort: Na, auf Luther natürlich. Selbst in Baden-Württemberg hat das nachchristliche Zeitalter begonnen. Dass jene fünf Wörter nicht Luthers Worte sind und sich nicht auf ihn beziehen, sondern am Anfang des Johannesevangeliums stehen und eine Aussage über Gott formulieren, ist unter den Passanten mit Einkaufstüten kaum jemandem klar. Man könnte das alles für einen mäßig witzigen Werbegag halten und es ebenso übersehen wie Reklame für die Bildzeitung. Doch die Sache ist ernster. Dort, wo es einst um Gott, um Christus, um den Schöpfer und Erlöser ging, um die Fragen, die immer wieder gestellt werden und auf die es nie eine abschließende Antwort gibt, tummelt sich der Lutherkult. Die großen Themen des Christentums – vorbei. Sich an Luther zu halten ist bequemer. Da feiert der Zeitgeist sich selbst.
Vor genau einem Jahrhundert, 1917, war Luther der Mann für den Siegfrieden, der germanische Recke, dessen feste Burg das Deutsche Reich einnahm, das es gegen die welschen Rotten der Franzosen, gegen dekadente Engländer und russische Hunnen zu verteidigen galt. Die heutigen Geschichten sind andere, ob sie bessere sind, erscheint fraglich. Zeitgemäß empfiehlt eine Luther-Botschafterin heute den Reformator als Hilfe für den Karrieresprung. Eine Chinesin, so hieß es unlängst im Magazin „Chrismon“, die stets unter starkem Leistungsdruck gestanden habe, weil die schier unerschwinglichen Mieten in Hongkong nur durch mehrere gut bezahlte Jobs fınanzierbar seien, „wurde Christin, studierte Theologie und unterrichtet heute am College“. Wie schön, dass das lutherische College sie offenbar derart üppig bezahlt, dass sie der Sorge um die Lebenshaltungskosten enthoben ist. Die Botschaft ist klar: Mit Luther auf Erfolgskurs. „Glaube“ zahlt sich aus, sagt die moderne Bekehrungsgeschichte. Die Gnade Gottes bemisst sich an der Höhe des Einkommens, der „Glaube“ ist das Wissen darum, dass man sich ein sorgenfreies Leben auch in einer der teuersten Städte der Welt leisten kann. Eine wahrlich zeitgemäße Umarbeitung der lutherischen Rechtfertigungslehre! *

*   https://chrismon.evangelisch.de/blog/auf-ein-wort/32295/der-einfluss-von-martin-luther-hongkong

Natürlich hat das alles mit Luther ziemlich wenig und mit dem Christentum rein gar nichts zu tun – es ist eben ein bloßer Luther-Kult, der da getrieben wird und der auch gern in Kauf nimmt, den Anfang des Johannesevangeliums mal eben auf die Kultfigur zu beziehen. Freilich: Zu einem richtigen Kult fehlt der Ernst, es bleibt alles nur im Grunde belangloses Spiel. Der Mann, um den es da geht, soll selbstverständlich nur „Kult sein“ wie Justin Bieber, Michael Schumacher oder Brad Pitt. Und wie von den „Idolen“ unserer Zeit immer auch ein bisschen Glanz fällt auf die, die ihre Nähe suchen, so erhofft man sich wohl, einer von schwindenden Mitgliederzahlen gebeutelten und an Bedeutungsverlust krankenden Kirche mittels eines kultigen Luthers wieder etwas Aufmerksamkeit zu sichern. Dafür darf es auch ein Luther als Gartenzwerg oder Playmobilfigur sein, und es gibt  – offenbar für Fetischisten – zum Preis von 7,50 € ökologische Luther-Socken – offizieller Werbetext: „Luther-Socken? Für die Füße. Heute gibt es Luther für alle Sinne: zum Anfassen, zum Riechen, zum Schmecken. Lassen Sie sich verführen …“. An der Wiederherstellung eines deshalb zu erwartenden „Original Luther-Fußschweißes“ wird vermutlich noch gearbeitet, einen Hinweis jedenfalls, wo man ein Fläschchen mit den entsprechenden Duftstoffen erwerben könne, habe ich bislang vergeblich gesucht. Bis Oktober bleibt aber noch Zeit … **
Es ist in hohem Maße peinlich, was da geschieht. Wie ernst auch immer dieser Luther-Kult gemeint sein mag: er ist in jeder Form einer christlichen Kirche unangemessen. Glaubt man denn ernsthaft, mit solchem Firlefanz jemanden für das Christentum gewinnen zu können? Gerade reformierte Gemeinden haben die Aufgabe, daran zu erinnern, dass bei aller Wertschätzung des Reformators dieser Umgang mit seiner Person abzulehnen ist. Das eröffnet für das kommende Jahr eine Fülle von Möglichkeiten, die unsere Gemeinde mutig ergreifen sollte.

Michael Weichenhan

*    https://www.evangelisch.de/galerien/137216/10-08-2016/martin-luther-fanartikel

Lutherdevonotialien
„Luther-Devonotialien für echte Fans“ auf www.evangelisch.de

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