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Zuwanderung und Moral

Seit bald zwei Jahren stellt uns die massenhafte Zuwanderung aufgrund offener Grenzen bis Ende 2015 vor große Herausforderungen. In der öffentlichen Debatte wird von ‚Flüchtlingen‘ oder ‚Geflüchteten‘ gesprochen, dabei handelt es sich bei sehr vielen von ihnen um solche, die keinen Anspruch auf Asyl haben – außer, man weitet den Begriff ‚Flüchtling‘ so weit aus, dass jeder, ob er – oder sie – wegen Bürgerkrieg, politischer Verfolgung, sexueller Orientierung, Armut, Klimawandel oder anderer Gründe nach Deutschland gekommen ist. Solange es keine legale Möglichkeit zur Einwanderung gibt, außer für Hochqualifizierte und Selbständige, bleibt für viele nur der Weg über einen Antrag auf Asyl. Und die Hoffnung, bei Ablehnung dennoch über irgendwelche Wege in Deutschland bleiben zu können, zumal die Wartezeiten bis zur Entscheidung eines Antrags sehr lang sein können.
Die sog. Wilkommenskultur bis zu Bildern von Selfies mit der Kanzlerin, die um die Welt gingen, haben zudem bei Zigtausenden von Menschen Erwartungen geweckt, bei denen es sehr fraglich ist, ob sie erfüllt werden können.
Wie können wir uns zu der Problematik der Zuwanderung verhalten? Ist die „Erklärung der Leitenden Geistlichen der evangelischen Landeskirchen Deutschland“ vom 15. September 2015 eine hinreichende Entscheidungshilfe?

Konrad Ott, Professor für Philosophie mit Schwerpunkt Ethik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hat mit seinem Büchlein ‚Zuwanderung und Moral‘ einen Essay vorgelegt, in dem er Argumente für unterschiedliche moralische Standpunkte zu dieser Problematik prüft. Er orientiert sich dabei an der Unterscheidung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik, wie sie der Soziologe Max Weber entwickelt hat.
Gesinnungsethik bedeutet demnach „dass sie bestimmte moralische Grundsätze (‚Wertaxiome‘ oder ‚Prinzipien‘) rigoros vertritt. Unliebsame Konsequenzen und riskante Nebenfolgen müssen um der Grundsätze willen, deren Gültigkeit vorausgesetzt wird, in Kauf genommen und bewältigt werden.“ Verantwortungsethik ist demgegenüber „keineswegs gesinnungs- und prinzipienlos, denkt aber stärker pragmatisch, abwägend, ausgleichend und folgenorientiert. Sie fragt nach Auswirkungen und Ergebnissen des Handelns nach Grundsätzen.“
Durch die Diskussion unterschiedlicher Standpunkte ist der Essay ein guter Leitfaden, um sich zu der komplexen Zuwanderungsfrage einen eigenen Standpunkt jenseits von vordergründigen moralischen Ansprüchen zu bilden.

Günther Matthes

Konrad Ott, Zuwanderung und Moral. [Was bedeutet das alles?]
Stuttgart (Reclam) 2016, 94 S., 6 Euro

Siehe zu dem Thema auch:

Wieviel Moral darf es sein?‘ von Konrad Ott
Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 1. April 2016

‚Was wir Migranten schulden – und was nicht‘
von Richard Schröder

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. August 2016

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