Predigten | Über II. Korinther 13,11–13

von Pfr. Dr. Bernd Krebs (7. Juni 2009)

Vier Versuche einer Antwort haben uns die Konfirmandinnen vorgetragen. Mancher von Ihnen wird sich in der einen oder in der anderen Antwort wiedergefunden haben. Andere wiederum werden sagen: Da war leider nichts, was mich angesprochen hat. Und doch wird man die vier Versuche nebeneinander stehen lassen müssen – in aller Vorläufigkeit, in aller Begrenztheit. Denn ist es nicht besser, wenn in dieser so schwierigen Frage niemand zu Aussagen gedrängt wird, die er oder sie am Ende nicht mittragen kann? Die Kirchen haben sich im Laufe ihrer Geschichte auf begriffliche Festlegungen geeinigt und in ihren Bekenntnissen festgehalten, die heute von vielen Christinnen und Christen nicht mehr geteilt wurden? Sollte man es am Ende nicht jedem freistellen, in welcher Weise er oder sie die Frage beantwortet: Wo ist Gott ?

Der Apostel Paulus schließt den Zyklus seiner Briefe an die Korinther in einem Tonfall, den die Männer und Frauen in Korinth wahrscheinlich nicht mehr erwartet hatten. Paulus hatte ihnen die Leviten gelesen, dass einem noch heute beim Lesen der Atem stockt. Dermaßen in Rage hatte er sich beim Diktieren geredet, dass man sich mit jedem Satz fragt: Wie schafft er das, da wieder runter zu kommen, ja wird er es überhaupt schaffen? Und dann diese Schlusssequenz. Statt ein „Soviel für heute – ihr hört wieder von mir“ oder einem kurz und bündigen „Das war’s – Euer Paulus“ schließt Paulus mit Worten, die weit mehr sind als das, was wir einen „versöhnlichen Schluss“ nennen würden. So sehr er vorher gewütet hat, am Ende besinnt sich Paulus darauf, in wessen Dienst und wessen Auftrag er diese langen, quälenden Briefe an die Korinther hatte schreiben müssen – so, als ob er sich wieder zurückrufen und in die Pflicht nehmen lässt von dem, der ihn berufen hatte. Diesem Innehalten, diesem Sich-Erinnern, diesem erneuten Hören auf die Stimme Gottes verdanken wir eine der – wie ich meine – interessantesten und aufregendsten Aussagen über Gott und sein Wirken.

Denn Paulus sieht Gott in dreierlei Weise in der Gemeinde wirken: durch seine „Gnade“, seine „Liebe“ und durch die daraus entstehende „Gemeinschaft“. So bringt Gott Bewegung in die erstarrten Beziehungen, führt die zerstrittenen Gemeindeglieder wieder zueinander, damit die Gemeinde zum Ort der „Liebe und des Friedens“ werden kann. Im Streit mit den Korinthern ist dem Apostel eine Einsicht geschenkt worden über das „Wesen“ und „Wirken“ Gottes, der ihm wie den Korinthern, den Weg heraus aus allem Streit, aller Rechthaberei wies.

Die Schlussformel des 2.Korintherbriefes dient zumeist als Beleg dafür, dass schon in ersten christlichen Gemeinden – Gemeinden des Paulus – trinitarische Formeln in Gebrauch waren. Die zwei Jahrhunderte später in heftigen Kämpfen durchgesetzte Lehre von der „Dreifaltigkeit“ knüpft an neutestamentliche Vorstellungen. Sie ist kein dogmatisches Konstrukt ohne biblische Grundlage – wie man immer wieder hören kann. Freilich wird man auch sagen müssen: Die Art und Weise, wie die Alte Kirche Gottes „Sein“ substanzhaft, in „Personen“ oder „Hypostasen“ zu beschreiben versucht hat, war Anlass zu vielerlei Missverständnissen. Denn im „Ergebnis“ setzt sich – wiewohl vielleicht nicht beabsichtigt – ein „statisches“ Verständnis von Gott durch.

Was damit aber aus dem Blick geriet und lange Zeit verloren gegangen war, ist die „ganz andere“ Erfahrung, die Menschen in der Begegnung mit Gott machen konnten: dass ER uns vorausgeht, wie er Israel vorangegangen ist, des Tags in der Wolke, und des Nachts in der Feuersäule; dass ER uns aufstört, wenn wir beginnen uns einzurichten in die Verhältnisse, bereit, unsern „Frieden“ zu schließen mit dem angeblich Unveränderbaren.

Wo ist Gott? Ich erkenne, höre, erfahre ihn nicht in jener „statischen“ Beschreibung, die uns aus der Alten Kirche überkommen ist. Kein „Seiender“, und wie die Formeln noch lauten mögen, an denen sich Generationen von Theologen abgearbeitet haben. Sondern der, der mich in Bewegung bringt, weil er selbst „Bewegung“ ist. Insoweit finde ich mich selbst viel eher in den Beschreibungen wieder, die „Gottes Dreifaltigkeit“ als Beziehung zu erfassen versuchen, die Beziehungen schafft und Gemeinschaft stiftet.

Wo ist Gott? Da, wo Menschen sich in ihrem Vertrauen und ihrer Zuversicht von nichts und niemanden beirren lassen. Denn der HERR verlässt die Seinen nicht. ER ist bei uns, auf unserem Weg ... Eben deshalb können wir einander den Gruß des Paulus zu rufen: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen“.

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