Predigten | Über Apostelgeschichte 9,1–22

von Pfr. Dr. Bernd Krebs (19. Juli 2009)

Die Wandlung des Paulus vom Verfolger der Gemeinde zu einem ihrer wichtigsten Zeugen und rührigsten Gemeindegründer ist das am besten bezeugte Ereignis der frühen Kirche. Denn wir besitzen nicht nur den Bericht der Apostelgeschichte, sondern auch eine Reihen von Aussagen, die von Paulus selbst stammen – zu Beginn des Galaterbriefes, in 1.Kor.15, im 3.Kapitel des Philipperbriefes,

 Vergleicht man die Selbstzeugnisse des Paulus mit dem Bericht der Apg., lassen sich zwar gewisse Unterschiede erkennen. Für Paulus ist die Begegnung mit dem Auferstandenen das Urdatum seiner Berufung zum Apostel. In eben dieser Begegnung gründet sein Auftrag und zugleich auch seine Unabhängigkeit gegenüber dem 11 bzw. 12er Kreis. Die Apostelgeschichte interpretiert das Geschehen dagegen in erster Linie als Bekehrung. Jeder Bezug auf ein besondere Apostolat des Paulus fehlt. Denn für Lukas, der den Weg des Christuszeugnisses von Jerusalem zu den Heiden nachzeichnet, steht vor allem die Kontinuität im Blickfeld.

Man sollte die Unterschiede jedoch nicht überbewerten, schon gar nicht in einen Gegensatz hochstilisieren – wie das immer wieder versucht wurde; teilweise sogar mit dem Bemühen, Paulus als Usurpator, als „selbsternannten Apostel“ darzustellen, der die ursprünglichen Anliegen Jesu und seiner Jünger verdreht hätte.

Solcherlei Spekulationen sagen mehr über die Ziele derer, die sich in ihnen ergehen aus, als dass sie uns etwas über das Geschehen mitteilen, um das es hier geht. Denn in einem stimmen der Bericht des Lukas wie die Selbstzeugnisse des Paulus überein und das ist der Kern/das Zentrum, um das es hier geht: dass der ehemalige Verfolger zum Mitglied der ehemals von ihm verfolgten Gemeinde wird.

Sowohl Lukas als auch Paulus selbst führen diese wundersame Umkehrung auf ein Eingreifen des auferstandenen Christus zurück. Die Wandlung ist nicht das – wir heute sagen würden – Ergebnis eines „Lernprozesse“ oder einer „inneren Entwicklung“, sondern eines von außen, in das Leben des Paulus hineinwirkenden Eingriffes. Paulus erfährt eine radikale Lebenswende und mit ihr verbunden eine Umkehrung aller Werte und Maßstäbe.

Dass er in der Folgezeit diesen Einschnitt gedanklich, seelisch und emotional zu begreifen und zu verarbeiten sucht, ist verständlich – doch diese Auseinandersetzung ist die Folge, das Ergebnis, nicht der Ausgangspunkt der Wandlung des Paulus.

Die frühe Kirche wie auch Paulus selbst haben diese radikale Wendung als Erweis der Macht des auferstandenen Herrn gedeutet. „Sogleich fiel es wie Schuppen von seinen Augen“ – jenes in unsere Umgangsprache eingegangene schöne Bildwort – bezeichnet deshalb ein mehrdimensionales Geschehen. Paulus lernt im wahrsten Sinne „neu zu sehen“: sich selbst, sein bisheriges Tun, seine Umwelt und die von ihm bis dahin Verfolgten. Und er erkennt den, der ihm bis dahin sehenden Auges verborgen geblieben war: den Auferstandenen.

Zum Sehen gebracht, kann er nicht mehr schweigen über den, der ihm die Augen geöffnet hat. Paulus wird zum Zeugen des Auferstandene, zum Zeugen des Lebens , gegen den Tod und die Todesverfallenheit. Sehend geworden nimmt er wahr, wo das Leben seinen Ursprung hat und wohin unser Weg führt.

Für mich ist die Geschichte der Bekehrung/der Wandlung des Paulus gerade in ihrer Unfasslichkeit etwas sehr Tröstliches. Denn sie gibt mir Mut, wider den Augenschein darauf zu vertrauen, dass Jesus Christus zu allen Zeiten und auch heute Menschen die Augen öffnen und der Gemeinde hinzufügen kann – dass er Menschen berufen und in seinen Dienst stellt. Sehend gewordene, Erkennende.

Menschen, die uns heute noch unbekannt sind, morgen aber schon für uns zu Weggefährten werden könnten. Die sich mit ihren Einsichten, mit ihrer Erfahrung einbringen und das Profil unserer Gemeinden prägen werden. Die neue Ideen einbringen und uns aus den gewohnten Bahnen auf andere Wege führen.

Die „Zeit“ zu nutzen – darin liegt die Herausforderung. Ihr stellen sich die beiden ersten. Der dritte nicht. Und damit sind wir bei der anfänglich beschriebenen Karikatur: Wirkliche Chancengleichheit ist nur dort gegeben, wo die unterschiedlichen Fähigkeiten den Ausgangspunkt bilden, sagte ich – also die Unterschiedlichkeit der Menschen ernst genommen wird. Wirkliche Chancengleichheit gibt es zudem nur dort, wo Menschen auch die Zeit bekommen, sich auf der Basis ihrer Fähigkeiten weiterzuentwickel.

Einige Ausleger haben einmal zu errechnen versucht, wie hoch das Vermögen gewesen sein mag, dass der Herr den Knechten anvertraut hat. Welche Berechnungen man auch anstellt: Es handelt sich immer um eine unvorstellbar große Summe, die der Herr den Knechten anvertraut – selbst noch dem dritten. Ein unvorstellbare hohe Summe, die keiner von ihnen je in seinem Leben hätte verdienen können. Das aber bedeutet: Die unvorstellbar hohe Summe ist selbst ein Bild, ein Gleichnis – sie steht für die unermessliche, unverdienbare und unverdiente Gnade, die Gott uns zuteil werden lässt – zeitlebens. An uns ist es, dieser Gande entsprechend zu leben und – wie es im Heidelberger Katechismus heißt – in Dankbarkeit Gottes Einladung zu folgen, uns entsprechend der Gebote zu entwickeln.

Das Gleichnis von den anvertrauten Zentnern ist darum für mich ein „evangelisches Gleichnis“. Es bescheibt die „Freiheit“, in die uns Gott beruft – wohlgemerkt, nicht die „Freiheit“, die wir meinen, uns selbst nehmen zu können – wie der dritte Knecht, sondern die „Freiheit“, die ihren Grund in Gottes Zuwendung hat, in seiner Gande, in der Zeit, die er uns gibt. „Freiheit“ in ev. Sicht bedeutete: zu bejahen, dass alles, was wir haben, uns gegeben ist und wir dieses Gegebene uns aneignen und weiterentwickeln sollen. Insoweit kann man sagen, dass Protestanten einen dynamische und produktiven Beitrag für die Gesellschaft und ihre Weiterentwicklung zu leisten vermögen. Die Haltung, die der dritte Knecht an den Tag legte, ist jedenfalls alles andere als protestantisch – deshalb ist sein Leben am Ende geprägt von „Erstarrung“ – so jedenfalls deute ich den Schlussatz von der „Finsternis“.

Um noch einmal auf die anfänglich beschriebene Karikatur zurückzukommen: Sie könnte auch als Karikatur auf die Kirche/die Gemeinde gedeutet werden – in der ständig von Gleichheit gesprochen wird, während die einzelnen Mitglieder eigentlich nicht wirklich zum Zuge kommen. Denn die behauptete Gleichheit ist nur eine Chimäre/ein Trugbild, weil die unterschiedlichen Gaben und Begabungen der Mitglieder nicht erkannt werden und also auch nicht zum Zuge kommen können. In einer Gemeinde gibt es eben – um im Bild zu bleiben – neben dem flinken Eichhörnchen, das die höchsten Baumwipfel erklimmt, auch den in sich ruhenden Elefanten, der ein langes Gedächtnis hat und darum für die Gemeinde ebenso unersetzlich ist wie der unbändig fröhliche Affe, der stets zu Späßen aufgelegt ist und die Gemeindeglieder erheitert ... Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind natürlich rein zufällig. 

Diese Vielfalt zum Zuge kommen zu lassen, damit sich die Einzelnen und die Gemeinde als Ganze entwickeln kann – das ist eine ständige Herausforderung. Ob wir hier in der Bethlehemsgemeinde uns dieser Herausforderung immer bewusst sind und sie annehmen, wie die zwei Knechte das ihnen Anvertraute annahmen – darüber kann ja jeder von Ihnen bis zum nächsten Sonntag einmal nachdenken.

Zurück