Predigten | Über I. Thessalonicher 4,1–8

von Godeke v. Bremen, Pfr. i. R. (17. Okt. 2010)

1 Wir bitten und ermahnen euch in dem Herrn Jesus, da ihr von uns empfangen habt, wie ihr leben sollt, um Gott zu gefallen, was ihr ja auch tut –, dass ihr darin immer vollkommener werdet. 2 Denn ihr wisst, welche Gebote wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus. 3 Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr meidet die Unzucht 4 und ein jeder von euch seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung, 5 nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen. 6 Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel; denn der Herr ist ein Richter über das alles, wie wir euch schon früher gesagt und bezeugt haben. 7 Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung. 8 Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen heiligen Geist in euch gibt.

Fühlen Sie sich als Heilige? Die meisten von Ihnen, wenn nicht sogar alle werden denken: Was ist das für eine dumme Frage. Natürlich bin ich kein Heiliger. Ich habe meine Fehler und Schwächen und ich tue auch immer wieder, was nicht richtig ist.

Bei uns ist die gängige Vorstellung, dass Heilige außergewöhnliche Menschen sind, die sich deutlich von allen anderen unterscheiden. Sie sind besonders fromm, führen ein vorbildliches Leben, tun viel Gutes und sind als Menschen herausragend – so eine Art Nobelpreisträger in Sachen Religion.

Im Neuen Testament ist das anders. Paulus bezeichnet die Mitglieder der christlichen Gemeinde gelegentlich als Heilige (Röm 1,7; 1Kor 1,2; 2Kor 1,1; Phil 1,1), obwohl auch diese Christen sich nicht immer richtig verhielten. Paulus hat sie verschiedentlich kritisiert und ausführlich ermahnt so zu leben, wie es ihrem Glauben an Jesus entsprach. Das wäre überflüssig gewesen, wenn sie in ihrer Lebensweise bereits perfekt gewesen wären. Trotzdem waren sie für Paulus Heilige.

Auch wir dürfen uns durchaus als Heilige bezeichnen. Im apostolischen Glaubensbekenntnis sprechen wir von den „Gemeinschaft der Heiligen“. Und im ersten Paragraphen des Heidelberger Katechismus, der in großen Buchstaben bei uns hier an der Wand geschrieben steht, lesen wir: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“

Das ist die Grundlage unseres Christseins. Wir gehören nicht mehr uns selbst. Wir gehören Jesus Christus. Mit ihm sind wir im täglichen Leben verbunden und bleiben es auch im Sterben. Dass wir Jesus Christus gehören, macht uns heilig.

In der Taufe wird diese persönliche Zugehörigkeit eines jeden von uns besiegelt. In der Taufe sagt Gott uns zu: „Heute habe ich dich berufen. Du bist mein!“ Und wir akzeptieren diesen Sachverhalt durch unser Einverständnis, bevor die Taufe selbst vollzogen wird.

Mit der Taufe hat unser Leben als Christ begonnen. Mit der Taufe ist uns ein Funke ins Herz gepflanzt worden, der unser ganzes Leben lang wie ein Virus wirkt. Und der uns immer wieder daran erinnert: Du gehörst zu Jesus Christus. Er ist dein Heiland im Leben und im Sterben. Und deine Mitmenschen sind deine Schwestern und Brüder.

Im Laufe unseres Lebens können wir das verdrängen. Es kann Zeiten geben, in denen uns anderes wichtiger wird, in denen wir andere Prioritäten setzen – unsere Familie, unser berufliches Fortkommen, unser Wohlstand. Ja, es kann sogar sein, dass wir zeitweilig gegen diesen Virus ankämpfen und unser Christsein verleugnen. Aber irgendwann meldet sich dieser Virus wieder und sagt uns, wo wir hin gehören.

In unserem heutigen Predigttext geht es genau darum: Was passiert mit uns, wenn die Hoch-Zeit der ersten Begegnung mit dem Wort Gottes vorüber ist? Was passiert mit uns, wenn der Alltag eingekehrt ist und wir mit anderen Dingen beschäftigt sind – wenn wir für unser tägliches Leben sorgen müssen, Geld verdienen sollen, mit unseren unangenehmen Nachbarn oder Kollegen zurecht kommen müssen, wenn wir in unserer Ehe uns mit dem Partner arrangieren müssen oder wenn Krankheit und Tod uns am Leben verzweifeln lassen.

Paulus schreibt an die Gemeinde in Thessaloniki, im Norden Griechenlands. Die Gemeinde ist noch sehr jung, hat noch nicht viel Erfahrungen. Die erste Begegnung mit dem Evangelium ist vorbei und jetzt muß die Gemeinde lernen, mit den Herausforderungen des alltäglichen Lebens zurecht zu kommen. Das, was sie vom Evangelium gelernt haben, muß sich jetzt bewähren. Deshalb benennt Paulus einerseits Grundlagen des christlichen Glaubens, andererseits redet er sehr praxisnah von Dingen des alltäglichen Lebens. So auch hier: Er erinnert die Gemeinde einerseits an Grundsätze, wie sie „leben sollen, um Gott zu gefallen“. Dabei nennt er einen Begriff, der etwas schwierig zu verstehen ist: Heiligung. Zum anderen benennt er beispielhaft zwei Konfliktfelder, auf denen sich Heiligung bewähren soll: Auf dem Feld der Sexualität und im Verhältnis zu Geschäftspartnern.

Ich beginne mit dem, was Paulus zu den Grundsätzen sagt. Er sagt der Gemeinde: Das hat Gott mit euch vor, das ist sein Wille, sein Plan – eure Heiligung. Ein schwieriger Begriff – Heiligung. Was ist das – Heiligung? Dabei interessiert mich immer, wie etwas funktioniert. Wie – also – funktioniert Heiligung?

Heiligung ist etwas, was mit den Christen passiert. Heiligung – der Begriff legt nahe, dass es sich um einen Prozess handelt, an dessen Ende der Christ, der Heilige sich verändert hat, mehr oder intensiver heilig geworden ist. Heiligung funktioniert aber nicht eindimensional. Es gibt kein Pflichtenheft, in dem die Aufgaben aufgelistet sind, die man mechanisch Schritt für Schritt abarbeiten muss, um am Schluss sagen zu können: Ich habe mein Ziel erreicht. Bei der Heiligung geht es um den ganzen Menschen. Mit Herz und Seele, mit allen seinen Taten und mit seinem ganzen Körper soll er der Heiligung entsprechen. Heiligung ist ein Prozess, in dessen Verlauf sich der Christ dem, was Gottes Wille ist, annähert. Heiligung ist also ein Kommunikationsprozess zwischen Gott und Mensch.

 

Wie funktioniert Heiligung?

In der Physik gibt es das Modell von der Resonanz – das habe ich mal vor vielen Jahren in der Schule gelernt. Beispiel – Akustik. Wenn eine Quelle akustische Wellen mit einer bestimmten Frequenz sendet, die dann auf einen anderen Körper treffen, dann kann es dazu kommen, dass dieser Körper angestoßen wird, in derselben Frequenz mitzuschwingen. Dieses Mitschwingen heißt dann: Resonanz. Auf diese Weise funktionieren fast alle Musikinstrumente. So funktioniert aber auch ein Lautsprecher oder ein Radio. Irgendwo sitzt eine Quelle, die Wellen sendet. Und irgendwo anders gibt es einen Resonanzkörper, der die gesendeten Wellen aufnehmen kann und seinerseits wieder zum Schwingen bringt.

Wir Menschen sind im Bezug auf Gott solche Resonanzkörper. Wir können das Wort Gottes hören, wenn wir in der Bibel lesen, oder eine Predigt hören, oder auf einen anderen Christen hören. Häufig geht das an uns vorbei und wir schenken ihm nicht viel Beachtung. Aber manchmal lassen wir uns von dem Wort Gottes anstecken. Wir werden Resonanzkörper. Wir nehmen die Schwingungen wahr und beginnen mitzuschwingen in der gleichen Frequenz. Und so wachsen wir hinein in die Gemeinschaft der Heiligen, die auch Gottes Wort hören und mitschwingen. Wir werden Teil dieser Gemeinschaft, entsprechen dem Willen Gottes.

Nun gehört es zur Natur des Menschen, dass er auch auf andere Quellen reagiert als auf das Wort Gottes. Paulus denkt diese anderen Quellen – wie im Altertum üblich – als andere Mächte, die neben Gott auch existieren und auf Mensch und Natur Einfluß ausüben.

Eine solche Macht ist für ihn die Unzucht. Sie führt dazu, dass den Menschen – hier sind vor allem die Männer gemeint – durch die Macht der Unzucht eingeredet wird, in der sexuellen Begegnung mit Frauen nur die Befriedigung der eigenen Lust zu suchen. Auf diese Weise werden Frauen entmenschlicht und zu sexuellen Objekten degradiert. Und der Apostel fordert die Männer dazu auf, dieser Macht zu widerstehen, sich nicht von ihr anstecken zu lassen. Vielmehr sollen die Männer ihre Frauen als Partner gewinnen und ihnen alle Ehren erweisen, die den Heiligen zustehen.

Über diesen Punkt könnte man noch lange reden. Er hat nämlich m.E. – ganz aktuell – etwas mit der bei uns so heftig geführten Kopftuchfrage zu tun. Wenn ich Stimmen von Muslimen richtig verstehe, sagen sie: Frauen tragen das Kopftuch, um ihre weiblichen Reize zu verhüllen. Frauen sollen auf diese Weise vor der Begehrlichkeit der Männer geschützt werden. Es handelt sich also um dasselbe Anliegen, das auch Paulus hat. Frauen sollen nicht zu Objekten männlicher Begierden gemacht werden. Die Lösungen des Problems unterscheiden sich aber. Bei Paulus werden die Männer in die Pflicht genommen und ermahnt, sich vor den Mächten der Unzucht fernzuhalten und nicht auf sie zu hören. Bei den Muslimen kommen die Männer relativ ungeschoren davon. Die Leidtragenden sind die Frauen, die sich verstecken müssen.

Die andere Macht, die Paulus hier anspricht, ist die Macht der Habgier. In Thessaloniki, einer Stadt, die vom Handel lebt, ermahnt Paulus die Mitglieder der Gemeinde, dass sie sich von der Macht der Habgier nicht anstecken lassen sollen und gegenüber anderen nicht um jeden Preis ihren eigenen finanziellen Vorteil durchsetzen sollen. Diese und ähnliche Aussagen des Neuen Testamentes haben über 2000 Jahre bis heute die Diskussion darüber mit beeinflusst, was in der Wirtschaft ein gerechter Preis bzw. gerechter Lohn sei. Offensichtlich gibt es in dieser Frage keine objektiven Kriterien, nach denen man Preise und Löhne festlegen kann. So sagte schon Martin Luther: „Es ist nicht möglich, so genau festzulegen, wie viel du mit deiner Mühe und Arbeit verdient hast. Es genügt aber, dass du mit gutem Gewissen danach trachtest, das rechte Maß zu treffen, obwohl es doch eine Eigenart des Handels ist, dass man das unmöglich schafft“

Wir haben uns angewöhnt, die Verantwortung dafür von den einzelnen Menschen wegzunehmen und dem Markt die Verantwortung zu überlassen. Nach unserer herrschenden Wirtschaftsphilosophie ist ein gerechter Preis der, der auf dem Markt erzielt werden kann. Erst neuerdings, seit in der Öffentlichkeit bekannt wird, dass in Managerkreisen unvorstellbar hohe Einkommen erzielt werden, wird die Frage wieder neu diskutiert. Dabei haben die betroffenen Manager gar kein Schuldbewusstsein, weil die Verantwortung für die Höhe ihrer Einkommen ja gar nicht bei ihnen liegt, sondern beim Markt, der Einkommen dieser Höhe ja erlaubt und rechtfertigt. Andererseits ist die Öffentlichkeit empört, weil sie an dieser Stelle durchaus eine persönliche Verantwortung sieht und ähnlich wie Paulus argumentiert: „Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel…“

„Gott hat uns berufen zur Heiligung.“ – so fasst Paulus zusammen. Wir, die Heiligen, die durch die Taufe Gott kennen gelernt haben und ihm nahe gekommen sind, haben die phantastische Gelegenheit bekommen, im Bereich des Heiligen, nahe bei Gott zu leben. Das ist die frohe Botschaft des Evangeliums. Diese Botschaft ist eine große Befreiung. Wir können wie ein Resonanzkörper mit dem Wort Gottes mitschwingen und entdecken dabei immer neu, wie man in freier Selbstverantwortung leben kann. Mit Gottes Wort mitzuschwingen kann uns auch helfen, dass wir uns von anderen Mächten und Verführungen frei halten, so dass ich – wie es im Heidelberger Katechismus heißt – „mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland, Jesus Christus gehöre.“

Herr Gott wir danken dir,
dass wir zu dir gehören dürfen in der Gemeinschaft der Heiligen.
Schenke uns wache Sinne, mit denen wir deinen Willen immer neu erfahren.
so dass wir Kraft bekommen, unseren Beitrag zu Deiner Welt zu leisten.
Lass unser Gespür für Gerechtigkeit wachsen
und lass uns wachsam sein für alles Leiden in den Welt.

Amen

 

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