Predigten | Über Jakobus 4,13–15

von Pfr. Dr. Bernd Krebs

13 Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen –,
14 und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.
15 Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.

Dieser kurze Ausschnitt aus dem Jakobusbrief ist ungewöhnlich. Denn hier werden Fragen angeschnitten, die in das Gebiet der Wirtschaftsethik weisen. Jakobus thematisiert damit, was uns heute als ganz selbstverständlich erscheint – was für die frühen christlichen Gemeinden jedoch keine Rolle spielte: nämlich die Frage, welche Grundprinzipien sich aus dem christlichen Glauben für die Gestaltung des sozialen und politischen Leiten herleiten lassen.   

Die Christen waren damals eine kleine Minderheit, die am Rande der Gesellschaft lebte. Sie standen zwar in strikter Distanz zum zentralen Staatskult, dem Kaiser- und Tempelkult Das ergab sich zwingend aus dem 1.Gebot. Wer das 1. Gebot halten wollte, der musste auch bereit sein, Verfolgung auf sich zu nehmen. Doch daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, dass man als Christ der staatlich-religiösen Ordnung einen eigenen gesellschaftspolitischen oder sozialen Entwurf entgegenstellen müsste, das lag außerhalb ihres Horizontes.

So werden denn in den frühen Zeugnissen des christlichen Gemeinden, etwa in den Briefen des Paulus, vornehmlich kultische Fragen oder Fragen des  Verhaltens des Einzelnen erörtert. Oberstes Prinzip war dabei gegen Ende des 1. Jahrhunderts, in der Zeit zunehmender Christenverfolgung: bloß nicht auffallen, keinen Anstoß erregen und sich so weit wie möglich einpassen! Auch die apokalyptischen Schriften, wie etwa die Johannes-Apokalypse, die in verschlüsselter Sprache die Christenverfolgungen beschreiben und dabei entschieden die Tyrannei Roms verurteilen, waren keine Aufrufe zur Umgestaltung der Gesellschaft, sondern Trostschreiben – Ermutigung dazu, standhaft zu blieben.

Offensichtlich gab es in den ersten christlichen Gemeinden aber auch  Menschen, die (wie wir heute sagen würden) zu den Leistungsträgern gehörten, z.B. gut situierte und findige Geschäftsleute. Sie wussten strategisch zu denken  und ihre Entscheidungen nach der Maßgabe dessen zu treffen, wo sich  ein höchstmöglicher Gewinn erzielen ließ. Dies aber musste notwendigerweise in den Gemeinden die Frage nach dem rechten Verhalten im Wirtschaftleben aufkommen lassen – selbst wenn man sich sonst in den Fragen der „res publica“ zurückhielt.

Eben in diesem Sinne  muss der kurze Abschnitt aus dem Jakobusbrief gelesen und gedeutet werden. Dass er auch für uns heute von geradezu bedrängender Aktualität ist, muss wohl nicht näher begründet werden. Was damals im (relativ kleinen) Einflussbereich des Römischen Reiches gang und gäbe war, hat heute globale Dimensionen angenommen: die (wie wir heute sagen) Marktbedingungen so geschickt zu eigenen Gunsten zu nutzen, dass man einen möglichst hohen Gewinn einstecken kann – „wenn ich nicht, dann werde es andere tun und ich bin draußen vor, also muss ich es tun.“ Das ist die Logik des „Marktes“.  Die ökonomischen Bedingungen, das Auf und Ab des „Marktes“ setzen mir das Maß, ja das Zeitmaß. Ich muss mich dem beugen, will ich nicht hoffnungslos der Konkurrenz unterliegen.

Jakobus setzt mit seiner Kritik zunächst da an, wo wohl jeder Mensch, der es zu etwas gebracht hat,  seinen „wunden Punkt“ hat: nämlich jedes Maß zu verlieren. Der „Erfolg“ steigt einem in den Kopf, und je glatter alles geht, weil sich kein Widerstand mehr hegt, desto schneller stellt sich das Gefühl ein,   „Alles im Griff“ zu haben. Allmachtsphantasien nennen das die Psychologen; oft gehen diese einher mit Anmaßung und einer zunehmenden Beratungsresistenz.

Jeder von uns kennt solche Höhenflüge, wenn nicht von sich selbst, dann doch von anderen Menschen in seinem Umkreis; und dabei – so sagt Jakobus – „wisst Ihr doch nicht einmal, was morgen sein wird“.

So erinnert uns Jakobus erinnert daran, dass wir zwar vieles können, aber eines immer bleiben werden: Menschen – begrenzt im Blick auf die Zeit, die wir haben, begrenzt auch im Blick auf die eigenen Kräfte. „Denn was ist euer Leben? Einer Rauchwolke gleich seid ihr, die nur kurze Zeit bleibt, dann aber verschwindet.“

In klaren Augenblicken wird das niemand abstreiten. Für nicht wenige ist diese Erkenntnis aber wie eine Aufforderung, es nun erst recht wissen zu wollen und so viel wie möglich für sich „herauszuholen“. Maßloses Gewinn- oder Machtstreben erweist sich dann als die Kehrseite von Todesangst; und die einzige Haltung, das alles auszuhalten, ist die Flucht in den Zynismus. Ganz zu schweigen von jener Haltung, die sich nur noch im Nihilismus ergeht und außer sich selbst, niemanden mehr wahrnimmt!

Dass der Mensch sterblich ist – das alleine macht ihn jedoch nicht klug. Auch wenn es im Psalm 90 heißt: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Klug, in dem Sinne, dass ich meine Bestimmung erkenne, werde ich erst dann, wenn ich mich als Geschöpf Gottes erkenne – d.h. als einer, der nicht beziehungs- und damit sinnlos in dieses Erdenleben hineingeworfen wurde, sondern dessen Leben eine Mitte, eine Bestimmung und ein Ziel hat.

Gott ist darum das Maß aller Dinge. Und da uns in der ganzen Heiligen Schrift, in vielfacher Weise sein Wille kundgetan ist, ja in Jesus, seinem Sohn, seine Liebe zu uns ein für allemal erkennbar geworden ist, kann sich niemand – jedenfalls niemand, der Christ ist – herausreden, dass in „der Welt andere Gesetze“ gelten.  

Der Satz, den wir einander an Weihnachten zusprechen, dass „Gott Mensch wurde“,  eröffnet eine ganz neue Dimension, die Welt und die Menschen wahrzunehmen. Denn wenn Gott selbst Mensch geworden ist, dann ist der Mensch nunmehr als Spiegel Gottes das Maß aller Dinge.

Oder wie Immanuel Kant einmal geschrieben hat: Es geht um die Achtung des anderen,  um die Anerkennung seiner Würde, die keinen Preis und kein Äquivalent hat, sondern allein und unverrechenbar ist, weil sie in seinem Menschsein – wir würden sagen – in seinem Geschöpfsein gründet.

Solche Achtung der Würde des anderen aber verbietet es, dass Menschen zum bloßen Mittel werden, zur Ware, die einen Marktwert und einen Kaufpreis hat und wie eine Sache zum Zirkulieren gebracht wird bzw. werden soll.

Wenn ich aber das erkannt habe, dann bin ich bei mir und bei meinem Nächsten! Und die vielen Götzen, die mein Leben umstellt haben und zu bestimmen versuchen, beginnen zu wackeln, ja zu stürzen.

Etwa der Götze, dem heute wohl die größte Anbetung zuteil wird, der Götze namens „Markt“, mit seiner angeblich unbegrenzten, also unbegrenzbaren „Eigengesetzlichkeit“. Als ob der „Markt“ sich nach Naturgesetzen vollzöge und nicht Menschen seine Akteure wären! Wo der Mensch aber als Spiegel Gottes das Maß ist, muss der „Markt“ gezügelt und durch soziale Sicherung gebändigt werden.

Zum Jahreswechsel schaut wohl jeder von uns zurück und fragt sich selbstkritisch, ob  das, was er/sie in den vergangenen Monaten getan hat, wirklich immer unabweisbar notwendig und sinnvoll  gewesen ist und ob es manchmal nicht besser gewesen wäre, „Nein“ zu sagen und sich zu verweigern.

Solche Selbstprüfung ist – wie ich finde – heilsam. Sie hilft mir, bewusster und eindeutiger zu leben. Denn es geht dabei immer um die Frage: wer oder was bestimmt mein Leben? Die Schriften des Neuen Testamentes sind – so sagte ich zu Beginn – sehr zurückhaltend, was die Frage betrifft, ob und wie Christen die soziale und politische Ordnung gestalten sollen.

Der kleine Abschnitt aus dem Jakobusbrief hat  – so hoffe ich – jedoch deutlich werden lassen, dass sich auch in den Schriften des Neuen Testamentes Antworten finden lassen, die uns helfen können, Perspektiven für uns heute zu entwickeln – wenn und insoweit wir uns immer wieder kritisch danach befragen lassen, wo für uns das Maß aller Dinge liegt.

Amen

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