Predigten | Über Jakobus 5,13–16

von Pfr. Dr. Bernd Krebs

13 Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen.
14 Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn.
15 Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.
16 Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.

Unser Seniorenkreis ist klein und in seiner Zusammensetzung seit Jahren konstant. Eigentlich sind es immer noch die, die mich vor acht Jahren freundlich in der Bethlehemsgemeinde aufgenommen haben. Gewiss, einige Mitglieder des Seniorenkreises haben wir seitdem zu Grabe tragen müssen. Die verbliebene Schar hält um so fester zusammen und, was eine Besonderheit ist: der Kreis hält den Kontakt zu jenen, die nicht mehr zu uns in die Richardstraße kommen können, weil sie gebrechlich sind.

Und damit sind wir beim Thema: was geschieht mit den Kranken in unserer Gemeinde? Unsere Gemeinde ist eine junge Gemeinde, soll heißen, die Zahl der über 70-Jährigen ist viel kleiner als üblicherweise in den Gemeinden der Landeskirche. Hinzu kommt unsere Besonderheit: wir sind eine Personalgemeinde. Unsere Mitglieder leben weit verstreut über das Stadtgebiet. In den Ortsgemeinden können aufgrund der räumlichen Überschaubarkeit nachbarschaftliche Netzwerke geknüpft werden. In unserer Gemeinde ist es dagegen wegen der großen Entfernungen weit schwieriger, Verbindungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten.

Doch die kleine Schar aus unserem Seniorenkreis lebt uns – verstärkt durch unsere Presbyteriumsmitglied Kathrin Stückrath – quasi vor, wie man den Kontakt zu denen hält, die ihre Wohnungen aufgeben mussten und nun in Seniorenheimen leben. Das ist ein Zeichen für den fürsorglichen und achtsamen Umgang in einer Gemeinde.

Lässt sich das ausweiten und auf andere Altersgruppen unserer Gemeinde übertragen? Der Jakobusbrief. ermuntert die Gemeindeglieder: „Ist jemand unter euch krank, dann rufe er die Ältesten, damit sie über ihm beten …“

Ein rabbinisches Wort lautet: „Wer einen Kranken besucht, nimmt ihm ein Sechzigstel von seinem Schmerz“. Die Wahrheit dieses Wortes kennt jeder von uns – denn jeder/jede hat schon das Bett hüten müssen und war froh, wenn in die Eintönigkeit und das Ausgeliefertsein ein Besucher/eine Besucherin etwas Abwechslung brachte. Doch wie oft hören wir – auch uns selbst – sagen: „Es geht schon wieder“ … „Muss ja!“ … „Anderen geht es noch schlechter“. Dahinter steht unausgesprochen die Selbstbeschränkung: „Bloß nicht jemandem zur Last fallen!“ Denn die meisten Menschen scheinen ohnehin überfordert zu sein: beruflich, familiär, mit tausend Verpflichtungen! „Der Tag müsste doppelt so viele Stunden haben…!“ Darum ist es notwendig, dass wir einander ermutigen: Ist jemand unter euch krank, dann rufe er die Ältesten, damit sie über ihm beten – wobei der Begriff ‚Ältester‘ damals weiter gefasst war als heute!

Die Senioren achten aufeinander, weil sie einander über Jahre, manchmal bereits über Jahrzehnte verbunden sind und weil sie zumeist mehr Zeit haben als die, die noch mitten im Studium oder im Berufsleben stehen und sich um ihre nächsten Familienangehörigen kümmern.

Für sie ist es schwieriger, zu erkennen, wo jemand Hilfe braucht oder sich über Besuch freuen würde. Deshalb sollen wir einander ermutigen, Zeichen zu setzen – gegen den Rückzug, gegen die Isolation und die Abkapselung.

Der Dienst an den Kranken ist uns im Familienkreis selbstverständlich – warum nicht auch in der Gemeinde, zu der wir gehören!? Einander im Blick zu haben und am Leben des anderen Anteil nehmen, das ist die Aufgabe aller Gemeindemitglieder!

Zum fürsorglichen und achtsamen Umgang in der Gemeinde gehört aber nicht nur der Besuchsdienst, sondern auch das Gebet. Die Fürbitte ist fester Teil des großen Gebetes am Ende jedes Gottesdienste. Und ich bin mir sicher, dass viele von uns tagtäglich im Gebet für andere eintreten und bitten. Wenn es aus beruflichen, familiären Gründen schwierig ist, andere Gemeindeglieder regelmäßig zu besuchen, so ist es uns doch immer möglich, sich im Gebet ihrer anzunehmen. In manchen Gemeinden trifft sich darüber hinaus ein Gebetskreis. Das ist nicht jedermanns/jederfrau Stil, weil eher einem Frömmigkeitsstil zugehörig, der für unsere Gemeinde nicht typisch ist.

Der jüdische Theologe, Abraham J. Heschel hat das Beten einmal mit dem verglichen, was sich ein Bauer an Fähigkeiten aneignen muss, um den Acker bearbeiten und am Ende Früchte ernten zu können. „Das Bedürfnis nach Nahrung allein gibt dem Bauern noch nicht die Kenntnis, wie er den Boden bearbeiten soll. Das Bedürfnis ist vielmehr Ansporn und Anlass, sich Fähigkeiten anzueignen – also zu arbeiten“, schreibt Heschel. So ist es auch mit dem Beten. „Das Beten ist keine Liebhaberei, der man bei Gelegenheit mal nachgehen könnte.“ Beten will ‚erarbeitet‘ sein, d. h. es ist nicht allein ein gedanklicher, innerer Akt, sondern das Beten erfasst den ganzen Menschen. „Um zu beten, was wir fühlen, müssen wir leben, was wir beten.“

Auf die Krankenbesuche in der Gemeinde bezogen, heißt das: wer Kranke besucht, der übt sich zugleich in der ‚Arbeit‘ der Fürbitte. Beim Verweilen am Krankenbett, im tröstenden Zuspruch oder im Schweigen erleben wir die Kraft der Zuwendung und das Geschenk der Liebe – eben das, worum wir in der Fürbitte beten. Das Gebet ist das Pendant zu unserem Handeln – das eine gehört zum anderen, wie zwei Seiten einer Medaille. So wird unser Leben – wie Abraham J. Heschel schreibt – „zum täglichen Kommentar zu unserem Gebetbuch“ und unser Gebet bildet den Kommentar zu unserem Leben und Handeln. Denn: worum bitten wir? Um Beistand für uns und den Kranken, um Kraft, um Geduld, um Besonnenheit, um Nachsicht, um das rechte Einfühlungsvermögen, um Achtsamkeit … und damit um Fähigkeiten, die wir und die Kranken brauchen, um in Krankheit, Anfechtung und Bedrängnis bestehen zu können.

Das Gebet ist also – wenn man es etwas zugespitzt sagen will – ein Teil unseres Handelns, es gehrt zum ‚Tun des Gerechten‘, wie Bonhoeffer sagt. Ora et labora – die alte mönchische Regel gilt auch hier. Eine Gemeinde, die die Kranken besucht, wird eine betende Gemeinde sein. Und eine Gemeinde, die für andere betet, wird ihre Kranken besuchen. Das eine bedarf des anderen, denn es wäre unsinnig, für die Kranken nur im Gebet einzutreten und sie ansonsten alleine zu lassen!

Nun höre ich die Einwände: legst Du die Messlatte damit nicht reichlich hoch? Wer kann das schaffen? Und: braucht es nicht am Ende doch mehr als nur Einfühlungsvermögen, um Kranken beistehen zu können? Pfarrerinnen und Pfarrer müssen ein klinische Seelsorge-Ausbildung machen! Wie sollen wir ‚einfachen‘ Gemeindeglieder da mithalten können? Wer schützt die Kranken vor falscher Fürsorge?

Ja es ist stimmt: wer Kranke besucht, muss sich mit anderen austauschen, sich Rat holen, sich helfen und korrigieren lassen. Auch eine Besuchsdienstgruppe bedarf deshalb des gegenseitigen Austausches und der Begleitung. Niemand sollte alleine gelassen werden mit seinen/ihren Erlebnissen! Solcher Austausch kann helfen, belastende Erlebnisse ‚loszuwerden‘, indem die anderen sie mittragen. Und solcher Austausch kann helfen, dafür sensibel zu bleiben, dass zur Krankenbegleitung mehr gehört als nur Worte.

Oft sind es die wortlosen Gesten, die mehr helfen als lange Erzählungen – die Hand des anderen halten, zum Segen die Händen auf ihren/seinen Kopf legen, mit einem feuchten kühlenden Tuch Linderung verschaffen, Öl auf seine oder ihre Stirn träufeln oder ein schlichtes Unser Vater beten, in den der/die andere einstimmen kann, und sei es ‚nur‘ mit der inneren Stimme, weil die äußere Stimme versagt.

Ausgerechnet der von den Reformatoren wegen seines Aktivismus gescholtene Jakobusbrief schließt mit der Ermutigung: dass die Gemeindeglieder einander in Gebet und Salbung, in Vergebung und Zuspruch beistehen sollen. Damit wird uns in Erinnerung gerufen, dass zum ‚Wohlergehen‘ (engl. wellfare – Wohlfahrt) mehr gehört als materielle Absicherung! Nämlich: menschliche Zuwendung und Nähe, das heißt fürsorglich und achtsam miteinander umzugehen – denn ohne solche Zuwendung verdorrt der Mensch. Deshalb sollen wir uns und andere immer wieder ermutigen, einander um diesen Dienst der Zuwendung zu bitten und ihn aneinander wahrzunehmen!

Amen

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