Predigten | Über Jesaia 42,1–9

von Matthias Reumann (1. März 2009)

42,1 Seht meinen Knecht, ich halte ihn, meinen Erwählten, an ihm habe ich Gefallen.
Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, das Recht trägt er hinaus zu den Völkern.
2 Er schreit nicht und wird nicht laut und lässt seine Stimme nicht hören auf der Gasse.
3 Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den verglimmenden Docht löscht er nicht aus, treu trägt er das Recht hinaus.
4 Er erlischt nicht und wird nicht geknickt, bis er das Recht in Kraft gesetzt hat auf der Erde; auf seine Weisung warten die Inseln.
5 So spricht Gott, der HERR, der den Himmel geschaffen hat und ihn ausspannt, der die Erde ausbreitet und was auf ihr wächst, der den Menschen auf ihr Atem gibt und Odem denen, die auf ihr gehen.
6 In Gerechtigkeit habe ich, der HERR, dich gerufen, und ich ergreife deine Hand, und ich behüte dich und mache dich zum Zeichen des Bundes mit dem Volk, zum Licht der Völker,
7 um blinde Augen zu öffnen, um Gefangene hinauszuführen aus dem Gefängnis und aus dem Kerker, die in der Finsternis sitzen.
8 Ich bin der HERR, das ist mein Name, und keinem anderen werde ich meine Ehre geben und meinen Ruhm nicht den Bildern.
9 Das Frühere – sieh, es ist eingetroffen, und das Neue – ich tue es kund. Noch ehe es sprosst, lasse ich es euch hören.

Mit feierlichen Worten stellt Gott ihn vor, seinen Knecht, den „Gottesknecht“ – wie wir ihn zu nennen uns angewöhnt haben. Es ist das erste von vier „Gottesknechts-Liedern“, die von ihm handeln, von seinem Auftrag und von seinem Schicksal. Diese Texte gehören zu den bekanntesten aus der Botschaft des Deuterojesaja, dieses anonymen Propheten aus der Zeit des babylonischen Exils. So bekannt sie sind, so rätselhaft sind sie in mancher Hinsicht. Das fängt schon mit der einfachen Frage an: Wer ist eigentlich dieser Gottesknecht? Und das ist keine neue Frage. So hat schon ein äthiopischer Beamter den Philippus, einen der ersten Christen gefragt, als er in seiner Jesaja-Rolle von dieser rätselhaften Gestalt gelesen hat: „Ich bitte dich, sage mir, von wem spricht hier der Prophet? Von sich oder von einem anderen?“ Nachzulesen im achten Kapitel der Apostelgeschichte. Über die Antwort des Philippus werden wir noch reden.

Viele Antworten sind auf die Frage nach der Identität des Gottesknechts gegeben worden; wir können gar nicht über alle nachdenken, sondern begnügen uns mit den wahrscheinlichsten – und das sind die, die für uns noch nachvollziehbar sind und nicht reine Spekulation. Im Grunde genommen gibt es zwei Möglichkeiten, die Gestalt des Gottesknechts zu deuten: 1. Die individuelle Deutung und 2. Die kollektive Deutung. Die zweite Möglichkeit mag vielleicht überraschen. Was deutet darauf, dass es sich bei dem Knecht Gottes nicht um eine einzelne Person handelt, sondern um eine Gruppe von Menschen? Kurz gesagt: die Botschaft des Propheten selbst. Im vorangehenden Kapitel heißt es:

41,8 Du aber, Israel, mein Diener, Jakob, den ich erwählt habe, Nachkomme Abrahams, meines Freundes, 9 du, den ich mit festem Griff von den Enden der Erde geholt habe und den ich herbeigerufen habe aus ihren entlegensten Winkeln und zu dem ich gesprochen habe: Du bist mein Knecht, ich habe dich erwählt, und ich habe dich nicht verworfen. 10 Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir! Hab keine Angst, denn ich bin dein Gott! Ich mache dich stark, ja, ich stehe dir bei! Ja, ich halte dich mit der rechten Hand meiner Gerechtigkeit!.

Das ist nur ein Beispiel dafür, dass Gott durch den Propheten auch sein Volk als Ganzes als seinen Knecht ansprechen kann. Und so viel anders hören sich seine Worte an dieser Stelle ja auch nicht an. Die kollektive Deutung ist also nicht einfach von der Hand zu weisen und wir sollten sie irgendwo im Hinterkopf behalten.

Allerdings spricht doch manches dafür, dass hier nicht an das Volk als Ganzes gedacht ist. Das eine ist: Gott stellt seinen Knecht hier ja mit feierlichen Worten vor. Ja, wem denn eigentlich? Wer ist denn die Hörerschaft dieser Worte, wenn nicht das Volk der Juden in Babylon? Das befindet sich ja im Moment in einem Zustand der Resignation, des sich Abfindens mit der Situation der Gefangenschaft, in einer Hoffnungslosigkeit, aus der der Prophet sie ja gerade aufrütteln will. Sie können das, was hier als Aufgabe des Gottesknechtes beschrieben wird, ja gar nicht ausfüllen. Sie gleichen doch eher dem geknickten Rohr, dem glimmenden Docht. Sie brauchen jemand, der sich über sie erbarmt. So weisen diese Worte doch eher auf einen Einzelnen, einen, der aus dem Volk der Juden stammt, der aber von Gott jetzt stellvertretend für diese Aufgabe berufen wird, Gottes Recht in Kraft zu setzen, dafür zu sorgen, dass seine Herrschaft sich ausbreitet – nicht nur in seinem Volk, sondern bis an die Enden der Erde; was für ein Gedanke! Bei allen möglichen Antworten auf die Frage nach seiner Person ist es das Nächstliegende anzunehmen – nämlich, dass der Prophet hier von sich selbst spricht: Deuterojesaja als der Gottesknecht, der von Gott in dieser geschichtlichen Stunde erwählt, berufen und befähigt wird, für sein Volk da zu sein, und auch für die Völker, die das Gottesvolk umgeben.

Wir müssen noch eine weitere Dimension einführen, wenn wir als Christen diese prophetischen Texte lesen. Ich komme noch einmal auf die Begegnung zwischen Philippus und dem äthiopischen Beamten zurück. Als der ihn nach der Person des Gottesknechts fragte, hat ihm Philippus ja nicht den Unterschied zwischen individuellem und kollektivem Verständnis erklärt. Er hat ihm von Jesus erzählt, er hat ihm, von dieser Schriftstelle in der Jesaja-Rolle ausgehend, das Evangelium von Jesus gesagt. Philippus steht im Neuen Testament nicht alleine mit der Überzeugung, dass die Gestalt des Gottesknechts im zweiten Teil des Jesajabuchs auf Jesus zu deuten ist. Sie haben also Jesus, seine Person und sein Wirken, in ihm wiedererkannt. Matthäus sagt in seinem Evangelium ausdrücklich: „So sollte in Erfüllung gehen, was durch den Propheten Jesaja gesagt ist“ und zitiert dann aus Jesaja 42. Es fehlt im Neuen Testament nicht an Anspielungen und Zitaten gerade aus Jesaja 40–55, dem „Evangelisten des Alten Testaments“.

So wird die Gestalt des Gottesknechts immer wieder durchsichtig auf Jesus Christus hin, und wir blenden hin und her und können selber sehen, wo wir im Leben Jesu die Züge des Gottesknechts entdecken und sehen, wie Gott in seiner Person wahrgemacht hat, was er durch Deuterojesaja angekündigt hat. Dass Deuterojesaja sich selbst vermutlich als den Gottesknecht verstanden hat, widerspricht dem nicht. Gottfried Voigt hat – wie ich finde, sehr hilfreich – den Gottesknecht verstanden als „ein ‚Konzept‘ Gottes, das in Jesus Christus vollkommen verwirklicht ist und an dem andere je auf ihre Weise teilhaben können, vor Christus, auch nach ihm. War Deuterojesaja der ‚Knecht‘, dann war er es ‚auf Christus hin‘ oder (antizipatorisch) ‚von ihm her‘“. Hier trennt sich natürlich die christliche Auslegung des Propheten von der jüdischen Auslegung. Es eröffnet sich aber auch ein Raum für das Gespräch über unterschiedliche Deutungen dieser Gestalt, die nicht einfach „dingfest“ zu machen ist, sondern diese unterschiedlichen Deutungen geradezu herausfordert.

Nach diesen grundsätzlichen Überlegungen wollen wir uns jetzt dem Gottesknecht selbst zuwenden: Was ist die Aufgabe, die Gott ihm gegen hat? Wie führt er diese Aufgabe aus? Was ist das Ziel seines Wirkens? Das „Recht“ steht im Mittelpunkt seiner Aufgabenbeschreibung: Also die Ordnungen, die das menschliche Zusammenleben erst möglich machen, die dafür sorgen, dass der Schwache nicht unter die Räder kommt, der Starke sich nicht einfach nimmt, was er will. Rechtlosigkeit raubt dem Menschen seine Würde und liefert ihn der Willkür der anderen aus. Deshalb schützen die Gebote des Alten Testaments immer wieder ausdrücklich die Fremden, Witwen und Waisen, also die, die sich selbst nicht helfen können. Und die Propheten protestieren, wo dieses Recht verletzt wird. Der Gottesknecht soll Gottes Recht durchsetzen, und das nicht nur in seinem eigenen Volk – wo es doch selbstverständlich gelten sollte! Das ist ja schon ein missionarischer Auftrag, den der Prophet hier erhält. Warten die Völker wirklich auf ihn? Wird er keinen Widerstand erfahren, wenn er ihnen Gottes Gedanken über ihr Leben und Zusammenleben mitteilen wird? Die schwierige Aufgabe steht in einem merkwürdigen Verhältnis zu der Art und Weise, wie er seinen Auftrag ausführen soll: „Er schreit nicht und wird nicht laut und lässt seine Stimme nicht hören auf der Gasse“. Seine Botschaft soll offenbar nicht mit Lautstärke überzeugen. Sein Auftrag, Gottes Herrschaft auszubreiten, verzichtet auf die Mittel der Macht, um sich durchzusetzen. Es ist geradezu das Gegenbild zu dem geläufigen Mittel, mit dem Gläubige immer wieder Gottes Herrschaft durchsetzen wollten – das Gegenkonzept zum „Heiligen Krieg“. Der Schrei, der auf der Gasse laut wird, ist der Schrei, der das heilige Aufgebot zusammenruft. Es wurde geschrieen, wo im Alten Israel das Heer zum Krieg gerufen wird, in dem dann an den Feinden der Bann vollstreckt wurde. Es wurde geschrieen im Aufruf zu den Kreuzzügen, mit denen Jerusalem aus der Hand der Ungläubigen befreit werden sollte. Es wurde und wird geschrieen, um die Gläubigen zum Dschihad zu sammeln. Heilige Kriege wurden und werden geführt, mit Waffengewalt oder auch nur mit lautstarken Worten. Der Gottesknecht zieht nicht in einen Heiligen Krieg.

Das ist vielleicht ein Grund dafür gewesen, dass die ersten Christen in Jesus den „Gottesknecht“ erkannt haben: Der Weg Jesu ist kein Kreuzzug gewesen, kein Weg, der mit Macht gebahnt wird. Wo dann zwangsläufig Leichen am Wegesrand liegen bleiben. Im Gegenteil, es scheint das besondere Anliegen Jesu gewesen zu sein, dass keiner am Wegesrand liegen bleibt. „Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den verglimmenden Docht löscht er nicht aus.“ Jesus wendet sich gerade den Menschen zu, über die andere schon das Urteil gesprochen haben: „Der oder die ist zu nichts mehr zu gebrauchen.“ Dieser Satz ist ja schon verräterisch, weil er den Wert eines Menschen danach bemisst, was man mit ihm „anfangen“ kann. Wo er Mittel zum Zweck ist, statt dass er eine unverlierbare Würde besitzt, weil er Gottes Kind ist. Jesus weist uns unmissverständlich an die Geringsten, an die, die gerne übersehen werden. Die Seligpreisungen sind das Signal für diese „Umwertung aller Werte“: Jesus preist die glücklich, die unter den Verhältnissen in dieser Welt leiden, sich nach ihrer Änderung sehnen und sich aufmachen, sie zu verändern. Der Maßstab, nach dem uns Gott einmal beurteilen wird, ist, wie wir mit diesen Geringsten umgegangen sind.

Auch lautstarke Worte hat Jesus nicht gebraucht, um das Reich Gottes zu verkündigen und durch seine Tat zu verwirklichen. Der Evangelist Matthäus zitiert gerade in einem solchen Zusammenhang die Worte aus Jesaja 42: Jesus befiehlt den Menschen immer wieder zu schweigen, zu schweigen auch über die Hilfe, die sie von ihm erhalten haben. Die Menschen sollen nicht durch Propaganda, durch die schnelle Verbreitung der neuesten Nachrichten über seine Person, über das, was er getan hat; über Krankenheilungen, Dämonenaustreibungen u.a. gewonnen werden. Seine Botschaft will überzeugen, nicht überwältigen. Seine Botschaft soll in die Welt hinausgehen, aber sie verträgt keine Manipulation, keine falschen Versprechungen.

Bei dem Versuch, das Fach „Religion“ in Berlin als ein Wahlpflichtfach zu etablieren, wird das der Kirche ja mitunter zum Vorwurf gemacht. Sie versuche, über den Religionsunterricht ihre Macht über die Menschen in einer immer säkulareren Gesellschaft zu erhalten, sie gebrauche den Religionsunterricht für ihre Glaubenspropaganda. Wir sollten solche Vorwürfe nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ich glaube, dass diese Vorwürfe nicht zutreffen, jedenfalls bei den meisten, die sich für diese Sache engagieren. Ein guter Religionsunterricht ist ein Beitrag für das Zusammenleben der Menschen, er vermittelt Kenntnisse, die Kinder und Jugendliche brauchen, er regt an, sich den Fragen des eigenen Glaubens und Lebens zu stellen und auch den Glauben des anderen zu achten. Ein guter Ethikunterricht tut das auch, und der Rahmenlehrplan für dieses Fach ist inhaltlich nicht weniger anspruchsvoll als der für den Religionsunterricht. Es kommt vor allem darauf, wie Lehrerinnen und Lehrer die ihnen gegebenen Möglichkeiten im Unterricht nutzen und wie sie sich selbst in das Gespräch mit den Schülern einbringen.

Die Bewährungsprobe in dieser Sache wird kommen, wenn die Abstimmung über diese Frage nicht zum gewünschten Ergebnis führen sollte, wenn es sich herausstellte, dass es großen Teilen der Bevölkerung egal ist, ob die Kinder in Berlin einen leichteren Zugang zum Religionsunterricht erhalten oder nicht. Für die Kirche, für uns wäre ein solches Scheitern keine Katastrophe. Es würde uns nur noch dringender vor die Aufgabe stellen, dass wir unseren Standort in der Gesellschaft bestimmen – ohne Nostalgie. Ohne die Sehnsucht nach den Zeiten, wo die Kirche noch mitten im Dorf stand und sich alle nach ihr ausrichteten. Wenn die Kirche in dem Ruf steht, vor allem um ihre Macht und die Möglichkeiten, für sich Propaganda zu machen, ist das allemal ein schlechtes Zeichen – egal, ob dieser Ruf berechtigt oder unberechtigt ist. Wie wäre es, wenn die Kirche in dem Ruf stände, immer und überall der Anwalt für die Menschen zu sein? Sich also nicht zuerst um sich selbst sorgt, sondern sich die Sorgen der Menschen zu Herzen nimmt und – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – ihnen an Leib und Seele Gutes tut. Als Johannes der Täufer im Gefängnis sitzt und von Zweifeln geplagt wird; als er fragt, ob Jesus wirklich derjenige ist, auf den die Menschen zurecht gewartet und ihre Hoffnung gesetzt haben, da lässt ihm Jesus nur ausrichten, was alle Menschen wissen: „Geht und erzählt Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, und Tote werden auferweckt, und Armen wird das Evangelium verkündigt“. Das ist wie ein Echo der Aufgabenbeschreibung des Gottesknechts. Wo Jesus hinkommt, da werden Menschen an Leib und Seele heil. Da geschieht in einem umfassenden Sinn Befreiung.

Unsere Gemeinden als Orte der Befreiung? Da ist Platz für Menschen, die wie das geknickte Rohr oder der glimmende Docht sind, angeschlagen oder mit wenig Hoffnung. Sie müssen nicht befürchten, dass man ihnen den Rest gibt, dass das kleine Lebenslicht, das ihnen geblieben ist, auch noch ausgeblasen wird. Sie können in solchen Gemeinden hören, dass sie bei Gott wertgeschätzt sind und können sich in einer liebevollen Gemeinschaft wieder langsam entfalten, aufrichten und aufleuchten. Wie wäre es, wenn die Kirche in dem Ruf stände, dass das in ihrer Mitte geschieht, weil Jesus in ihrer Mitte ist, der Gottesknecht, der Anwalt für Gottes Recht und gerade deshalb der Anwalt für die Menschen. „Das Frühere – sieh, es ist eingetroffen, und das Neue – ich tue es kund“. Das wären Neuigkeiten, die unsere Welt dringend braucht.
Amen.

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