Predigten | Über Jesaia 65,17–25

von Pfr. Dr. Bernd Krebs (23. November 2008)

17 Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.
18 Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude,
19 und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk.
Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.
20 Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht.
21 Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen.
22 Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen.
23 Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.
24 Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
25 Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.

Ich will von einer alten Frau erzählen. Sie stand am Zaun und schaute in den Park. Ich hatte sie zusammen mit ihrem Mann schon oft gesehen. Sie saßen immer auf derselben Bank und schauten den Spaziergängern nach. Doch heute verharrte die Frau am Eingang, als falle es ihr schwer, den Park zu betreten. Ich öffnete das Tor und wollte sie vorlassen. Sie schüttelte den Kopf.
„Ich kann nicht“, sagte sie, “… was soll ich alleine auf der Bank, ohne ihn!?“
„Wann ist er gestorben?“, fragte ich.
„Vor drei Wochen und nun komme ich täglich her und will gleich wieder umkehren. Ich bringe es nicht fertig, in den Park zu gehen und mich auf unsere Bank zu setzen.“ „Soll ich Sie begleiten?“ fragte ich die Frau.
„Wenn Sie das für mich tun wollen …?!“
Wir betraten den Park und gingen langsam zur Bank. Nach einer Weile begann sie zu erzählen - von den Reisen, die sie mit ihrem Mann unternommen hatte, von der Arbeit, die schon viele Jahre zurücklag und von den regelmäßigen Besuchen im Park. Der Park war für beide immer ein besonderer Ort gewesen. Sie hatten den Wechsel der Farben genossen, sich am Spiel des Lichtes erfreut und die Menschen auf den Wegen beobachtet. Doch jetzt erschien der Frau das alles fern und unwirklich. Obwohl es Spätsommer war, und noch warm, kam es ihr vor, als sei es schon Herbst. „Glauben Sie an Gott“, fragte sie plötzlich. „Ich habe immer geglaubt, dass hinter dem allen hier ein tieferer Sinn steckt, eine ordnende Hand oder wie man das nennen soll“, sagte sie. „Doch wo ist diese Hand? Ich fühle sie nicht …“ Sollte ich ihr jetzt sagen, dass ich darauf vertraue, dass Gott auch sie in seiner Hand hält? Nein, manchmal ist es besser, den Schmerz mit einem anderen auszuhalten - statt gleich alles zurechtrücken zu wollen.
Wie oft glauben wir, durch gut gemeinte Worte einem Nächsten zu helfen - und schütten mit unserer Liebe das zu, was doch ausgesprochen werden muss: die angstvollen Gedanken, die Zweifel, der Schmerz. Hoffnung braucht Geduld. Sie muss wachsen. Hoffnung ist - so sagt ein Sprichwort - wie ein tiefer Brunnen. Es macht große Mühe, die schweren Eimer aus der Tiefe hochzuziehen. Das dauert seine Zeit. Also schwieg ich.
Nach einer Weile stand die Frau auf und bat mich, sie zum Parkausgang zu begleiten. Als wir wieder auf der Straße standen, fragte ich sie, ob ich sie einmal anrufen dürfte. Sie nickte und gab mir ihre Telefonnummer.

Am heutigen Sonntag wird in den evangelischen Kirchengemeinden der Verstorbenen des vergangenen Jahres gedacht. Für viele Menschen ist dies ein schwerer Tag. Er rührt an ihr Innerstes. Denn mit der Erinnerung an die Verstorbenen kehren die Bilder vergangener Zeiten zurück: die Bilder von unbeschwerten, ungetrübten Tagen, von erfüllten Augenblicken gemeinsamen Lebens. Und mit den Bildern stellt sich erneut der Schmerz darüber ein, dass dies alles vergangen ist.
In den biblischen Lesungen dieses Sonntages hören wir, dass Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird. Es sind Bilder der Hoffnung, die die Bibel vor uns entfaltet. Aber wann wird dies sein? Und was hilft es jetzt, wo der Tod näher zu sein scheint als das Leben?

Ich habe die alte Frau, die ich im Park traf, nach zwei Wochen angerufen. Sie erkannte mich sofort. Es war mir, als hätte ihre Stimme seit unserer Begegnung einen festeren Klang bekommen.
„Ich habe beim Aufräumen alte Briefe gefunden“ sagte sie, „Briefe, die mein Mann und ich einander vor Jahren geschrieben haben, als wir eine Zeit lang getrennt leben mussten.
Damals hat mir mein Mann ab und zu auf einem Zettel ein Psalmwort mit in den Brief gelegt. Das hatte ich schon wieder vergessen. Jetzt liegen diese Zettel an verschiedenen Stellen in meiner Wohnung. Und wenn ich das Bedürfnis habe, nehme ich einen und lese ihn mir laut vor. Es ist, als ob mein Mann mir auf diese Weise noch einmal etwas mitteilen will. Und irgendwie hilft mir das. Denn es sind viele Worte darunter, die mir Mut machen.“, sagte sie.
„Ich bin auch wieder in den Park gegangen. Haben Sie mich gesehen?“
Wir redeten noch über dies und das. Dann sagte sie: „Danke, dass Sie mich angerufen haben. Ich muss jetzt los. Auf Wiedersehen.“.

Die Erinnerung kann zu einem Sog werden, der uns unaufhörlich in die Vergangenheit zieht. Alles Gegenwärtige erscheint uns dann fern und fremd. Ob die Tage so oder so vergehen - es interessiert uns nicht. Wie Mehltau über die Blätter so legt sich ein Gefühl der Gleichgültigkeit über uns. Wir leben und spüren doch nichts von diesem Leben. „Das Leben geht weiter. Komm endlich wieder zu Dir. Du kannst doch nicht immer nur zurückschauen.“ So mahnen uns die, die es gut mit uns meinen. Haben sie nicht Recht? Was hilft es uns, wenn wir uns im Sog der Erinnerungen verlieren? Doch die Erinnerung kann auch zur Quelle neuer Hoffnung werden. Ein längst vergessenes Büchlein fällt uns beim Aufräumen in die Hände und wir beginnen zu lesen, Seite um Seite. Ein Choralvers, ein Psalmwort kommen uns in den Sinn. Lange Zeit verschüttet und beinahe vergessen, beginnen die Worte von neuem zu uns zu sprechen. Und wir spüren, wie in uns wieder Hoffnung aufsteigt und die Schatten über uns zu weichen beginnen. Die Hoffnung ist wie ein tiefer Brunnen. Es braucht seine Zeit, bis das Wasser geschöpft ist und wir wieder trinken können.

Gott wird alles neu machen, schreibt der Prophet Jesaja. Dann werden wir des Vergangenen nicht mehr gedenken und uns nicht mehr zu Herzen nehmen müssen, was einmal war. Dann wird kein Klagen mehr sein und kein Weinen. Gott wird uns antworten, noch ehe wir ihn anrufen. Wir werden seine Nähe spüren, unverstellt und ungehindert. Was die einen pflanzen, werden die anderen nicht ausreißen. Und niemand wird sich in das hineindrängen, was einer anderer aufgebaut hat. Wer alt ist, wird sich nicht rechtfertigen müssen, dass er noch lebt. Und die, die geboren werden, wird man willkommen heißen und sich ihrer in Liebe annehmen. Der Kontrast zu dem, was wir Tag für Tag erleben, könnte nicht krasser sein.
In wundersamen Bildern entwirft Jesaja eine Wirklichkeit, die der unseren in beinahe allem entgegen steht. Und so mahnt uns denn eine innere Stimme: „Die Welt ist nun einmal anders und wenn Du es Dir auch tausendmal wünschst, sie wird nie so werden wie der Prophet es verheißt“. Statt auf zu stehen, und unsere Stimme zu erheben für ein anderes Leben, fügen wir uns in die „Verhältnisse“, auch wenn uns (hin und wieder) eine unerklärliche Traurigkeit überkommt, und manchmal auch ein wenig Zorn. Aber es scheint uns alle mal klüger zu sein, die Dinge so zu nehmen, wie sie nun einmal sind, als sich von utopischen Bildern den Blick verstellen zu lassen. Wir klammern uns an das, was wir uns „erarbeitet haben“, was „unser“ ist - obwohl wir doch wissen, dass wir nichts mitnehmen können. Wir hoffen darauf, dass was, was von unserem Tun bleibt, unserem Leben einen Sinn verleiht, der uns überdauert. Wir klammern, weil wir Angst haben, unser Leben könnte am Ende vergeblich gewesen sein. Die Angst vor dem Tod ist eine starke Kraft. Sie kann zur beherrschenden Macht werden, die alles mit sich reißt - auch unsere Hoffnung auf ein anderes, auf ein neues Leben.

Als ich einige Wochen später durch den Park ging, sah ich die alte Frau wieder. Sie saß auf „ihrer“ Bank und winkte mir zu. Ich deutete ihre Geste als Einladung, mich zu ihr zu setzen. Für eine Weile saßen wir nebeneinander und schwiegen. Dann sagte sie: „Ist das nicht schön. Diese Farben des Herbstes. Früher hat mich das traurig gestimmt. Der Herbst, das ist der Vorbote des Winter, der in all seiner Farbenpracht auf den Tod weist. Auf den Winter aber folgt der Frühling und neues Leben. Ich glaube dass darin ein tiefer Sinn liegt: wir werden sterben und doch von neuem leben - in einer anderen Welt, bei „Gott“ wie es in der Bibel heißt. Meinen Sie nicht auch?“
Ich gab meine Zurückhaltung auf und antwortete: „Ja, auch ich glaube, dass Gott uns nicht dem Tode preisgeben wird. Wir werden in seiner Hand bleiben und seine Liebe wird uns halten.“
Sie schaute mich von der Seite an und schwieg - bis die herbstliche Kühle uns daran erinnerte, dass es wohl besser sei, nach Hause zu gehen.

Der Prophet Jesaja beschreibt eine Welt, die in scharfem Kontrast zu dem steht, was wir Tag für Tag erleben. Es sind Gegen-Bilder, die mir Hoffnung geben. Gottes Verheißungen vor Augen, werde ich nicht mehr hinnehmen, was nicht hingenommen werden darf. Alles hat seine Zeit: trauern und klagen, Abschied nehmen und loslassen, trösten und aufrichten, hoffen und glauben. Noch ist unser Leben vom Tod umfangen. Doch ich glaube, dass Gottes schöpferische Kraft schon jetzt unter uns wirkt. Der Tod hat nicht das letzte Wort über uns. Dessen bin ich gewiss. Wenn aber die Angst vor dem Tod der Hoffnung weicht, dann beginnt das neue Leben - schon hier und jetzt.

Amen

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