Predigten | Über Johannes 4, 5–14

von Pfr. Dr. Bernd Krebs anläßlich des internationalen Gottesdienstes „Viele Völker – eine Welt“ (28. Juni 2009)

Alle Religionen haben ihren historischen Ort, die Region, in der sie entstanden sind – dort erhielten sie ihre Prägung, dort bildeten sie ihre Besonderheiten aus, dort entwickelten sie ihre Begrenzungen und Tabus. Denn jede Religion hat ja nicht nur einen spirituellen „Kern“, sondern auch eine in die Gesellschaft hinein wirkende „Außenseite“: bestimmte Gebäude oder Räume, bestimmte rituelle Handlungen, bestimmte Lebensformen – und jede Religion ist erkennbar an den Menschen, deren Leben in/mit/durch die Religion bestimmt wird.

Wenn die Religionen ihre „angestammten“ Orte verlassen und mit den Menschen, die sie praktizieren, an „andere Orte“ gelangen, kommt es zur Begegnung mit den Menschen dort, mit ihren Lebensformen, Gewohnheiten, Prägungen. Gut möglich, dass sich darüber auch die Religionen verändern, in ihrer „Außenseite“. Meistens verändert sich aber auch ihr spiritueller „Kern“ – was ihre offiziellen Vertreter, die Priester usw. meistens als „gar nicht möglich“ zurückweisen, denn der „Kern“ sei ja „unwandelbar“. Doch jede Religion muss sich am „neuen Ort“ auf spezifische Fragen einstellen, die die Menschen dort an sie richten. In einem meist langwierigen Prozess kommt es dann zu einer „Umformung“ der jeweiligen Religion.   

Von einem solchen „Ortswechsel“ einer Religion und den Folgen dieses „Überganges“ in eine „neue Welt“ berichtet die Erzählung aus dem Johannes-Ev. Jesus betritt ein Gebiet, das er eigentlich nach den religiösen Bindungen, denen er verpflichtet war, hätte meiden sollen. Er macht Rast in Sychar, unterhalb des Berges Garizim, auf dem ein (aus jüdischer Sicht) höchst fragwürdiger Tempel stand, der dem Zeus Xenios geweiht war. Dann geschieht die zweite Grenzüberschreitung: Jesus spricht eine ihm fremde Frau an. Was das bedeutet, können wir uns in unser weitgehend entgrenzten, sich „egalitär“ gebenden Gesellschaft, gar nicht mehr vorstellen. Wer jedoch Kontakt zu streng muslimischen Familien hat, weiß um die Wirkung festgelegter Regeln – wer dort als fremder Mann einer Frau die Hand reichen würde, täte missachten, was seit alters her gilt. Ebenso undenkbar wäre es, dass Frauen und Männer im selben Raum essen. Beide Tabus galten auch damals in den nahöstlichen Gesellschaften zur Zeit Jesu.

Doch Jesus knüpft Kontakt mit dieser Frau, einer „heidnischen“ zumal, nicht nur, um sich etwas Wasser reichen zu lassen, er verwickelt die Frau zudem in ein Gespräch, in dessen Verlauf die Frau – im wahrsten Sinne des Wortes – die Rolle sprengen wird, die ihr (wie allen Frauen damals) zugewiesen war, denn am Ende wird sie – lesen Sie einmal weiter – die Mitbewohner ihres Dorf mobilisieren und diese werden sich aufmachen, um sich selbst ein Bild von Jesus zu machen – was schließlich darin mündet, dass die Bewohner Jesus einladen, bei ihnen zu bleiben und daraufhin eine große Anzahl zum Glauben gelangt. Die „Grenzüberschreitung“, die Jesus als Vertreter seiner „Religion“ unternimmt, führt zu einer Kettenreaktion und die erste in dieser Kette ist die Frau.

Immer wieder wird in den Evangelien berichtet, dass Frauen gegen alle damals geltenden Konventionen eine besondere Rolle im Umfeld Jesu spielen. Auch in den Berichten über die Missionsreisen des Apostel Paulus, wie sie uns in der Apostelgeschichte überliefert sind, sowie dessen eigenen Schilderungen spielen Frauen eine besonderen Rolle. Bei vielen Frauen kennen wir nicht die genauen Umstände, unter denen sie in den Umkreis des Apostels und dann der Gemeinden gelangt sind – aber wir haben eine Vielzahl von Namen, die Paulus immer wieder erwähnt, wenn er Grüße ausrichtet.

Paulus hat also fortgesetzt, was von Jesus in dieser Geschichte berichtet wird: Er hat Grenzen überschritten und indem er solches tat, veränderte sich offensichtlich auch die überkommene Einstellung bzw. Haltung, in der er ursprünglich geprägt worden war. Ohne Jesus Grenzüberschreitung hätte auch Paulus, hätten die anderen Männer und Frauen nicht „Neuland“ betreten können. Eine große Zahl von Frauen verlieh den frühchristlichen Gemeinden durch ihre Präsenz und ihr Engagement ein besonderes Gepräge, das eine große Anziehungskraft ausübte. Offensichtlich sahen sie sich in einer bis dahin nicht erlebten Weise ernst genommen und angenommen, jenseits der sonst gültigen Konventionen. Das hatte Spannungen und Angriffe zur Folge, die viele der Frauen auszuhalten bereit waren, denn sie fühlten sich angenommen und ernst genommen.

Die meisterlich gestaltete Szene des Johannes verdichtet diese Erfahrung unzähliger Frauen in der Geschichte von der Begegnung Jesus mit einer (namenlosen) Frau am Jakobsbrunnen, mitten im Heidenland. Die Szene spiegelt also historische Gegebenheiten wider und sie formuliert zugleich das Programm: Jesus ist der Messias der Heiden, genauer gesagt: derer, die nicht aus Israel stammen. In der Begegnung mit ihm, dem Juden, wird ihnen der Weg zu dem Gott eröffnet, der Israel erwählt hat. Die Annahme der Heiden aber hebt die Erwählung Israels nicht auf. In Bezug auf die Heiden gilt, was Jesus hier bei Johannes wenige Verse später sagen wird: „Das Heil kommt von den Juden“. Das ist eindeutig und rückt zurecht, was durch andere Äußerungen im selben Evangelium – vorsichtig gesagt – zu Fehldeutungen Anlass geben könnte, ja Anlass gegeben hat.

Zugleich zeigt sich im Laufe der Begegnung zwischen Jesus und der Frau ab, welchen Weg Menschen nehmen müssen, bis sie erkennen, was „hinter den Worten“ steht. Das Gespräch zwischen Jesus und der Frau ist so etwas wir eine kleine Verstehenslehre – also eine Anleitung dazu, nicht bei den „Worten“ haften zu bleiben, sondern den dahinter liegenden Sinn zu erkennen. Im irdischen Durst verbirgt sich der Durst nach wahrem, nach wirklichem Leben. Die Frau braucht einige Zeit, bis ihr dies klar wird. Sie beginnt schließlich, die Rede Jesu „geistlich“ zu deuten und damit wird es möglich, in oder hinter dem Menschen Jesus, der sie um Wasser bittet, den Messias Gottes zu erkennen. Sie wird sehend und dieses Sehen weckt in ihr das Verlangen, nicht mehr „abgespeist“, nicht mehr „hingehalten“ zu werden – mit dem Hinweis auf die Konvention, die „guten Sitten“, die Tradition usw.

Wer Jesus begegnet, in dem wird der Durst geweckt, nach einem von Konventionen und Zwängen, Ängsten und falschen Rücksichtnahmen „freien“ Leben. Wer Jesus begegnet und sich von ihm „führen“ lässt, lernt, hinter die Dinge zu schauen und das richtige Leben hinter dem falschen Leben zu erkennen. Solches öffnet die Augen für das, was mich am Leben hindert: die eingespielten Verhaltensweisen, in die ich mich eingefügt habe, obgleich ich dabei ständig fühle, wie unbefriedigt mich das lässt. Wer „Sehend-Geworden“ ist wo die Quelle des Lebens ist, erkennt, wo der Durst nach Leben in unserer Gesellschaft mit Surrogaten abgespeist wird.

Wer in dieser Weise hinter die Dinge zu schauen begonnen hat, wird darum bitten, dass Jesu Geist ihn zu einem anderen Leben befreit und die Kraft gibt, sich auf den Weg zu machen – so wie die Frau, die am Ende in ihr Dorf läuft und mit ihrer Begeisterung andere Menschen neugierig macht, auf das, was mit ihr geschehen ist und wer diesen neuen Lebensdurst in ihr geweckt und offensichtlich auch zu stillen vermocht hat. Womit wir wieder bei der Gemeinde sind und ihrer, damals besonders auf Frauen wirkenden Ausstrahlung.

Ich sagte anfangs, dass jede Religion mit der „Einwanderung“ an einen anderen Ort als dem, an dem sie entstand, sich verändert. Das ist auch dem Christentum widerfahren. Die Historikerinnen und Historiker haben nachgewiesen, dass im Zuge der Hierarchisierung und schließlich der „Verstaatlichung“ des Christentums, die Mitwirkung der Frauen reduziert und Frauen für lange Zeit aus vielen Aufgabenbereichen verdrängt wurden. Doch dabei blieb es nicht – Gott sei Dank. Es scheint eine Besonderheit des christlichen Glaubens bzw. des Christentums zu sein, dass es immer wieder Grenzen aufbricht und überschreitet und von neuen in Gesellschaften „einwandert“, selbst in die vormals „christlichen“ hier in Europa. Im Zuge dessen hat sich nicht nur die „Außenseite“ des Christentum verändert, indem man sich nun wieder daran erinnert, dass am Ausgangspunkt der Christentumsgeschichte Frauen eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben. Auch der „spirituelle“ Kern hat sich gewandelt, er ist auch wieder „weiblicher“ geworden.

Darin liegt eine neue Anziehungskraft gerade auch für solche Frauen, die in anderen religiösen Kontexten aufgewachsen sind und von diesen geprägt wurden – Kontexten, in denen Frauen (immer noch) fest umrissene „Bereiche“ zugewiesen sind. Manche dieser Frauen finden Kontakt zu christlichen Gemeinden und sie begegnen dort – wie diese Samaritanerin – der Quelle des Lebens. Sie lernen, das richtige Leben im falschen Leben zu leben. Das Joh. Ev. ist deshalb jenes Evangelium, in dem immer wieder bezeugt wird, dass die, die Jesus vertrauen, schon hier und jetzt, nicht erst in der künftigen Welt Teil haben am „ewigen Leben“ – oder wie Jesu zu dieser Frau sagt: wer von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.

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