Predigten | Über Lukas 2,1–20

Pfr. Dr. Bernd Krebs (24. Dez. 2008)

2 1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.
2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.
3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.
4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,
5 damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.
6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.
7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.
8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.
9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.
10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;
11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

12 Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.
13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:
14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.
15
 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.
17 Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.
18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.
19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.
20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Was hat es mit diesem Abend Besonderes auf sich, wenn sich die Kirchen füllen und fast überall in der Stadt zu spüren ist, dass sich dieser Tag von den anderen Tagen des Jahres unterscheidet? Selbst jene, die sich dem ‚Heiligen Abend‘ zu entziehen versuchen, bestätigen das Besondere, das diesem Abend innewohnt. Ist es die Sehnsucht, wenigstens an einem Abend des Jahres die Zweifel beiseite zu schieben und zu wagen, was im Alltag so schwer gelingt – nämlich gegen den Augenschein das Unmögliche für möglich zu halten und zu glauben, wie ein Kind?

Dass Kinder etwas von dem wissen, was man nicht sehen kann – wer wollte es in Abrede stellen? Wer meint, der Mensch müsse, um erwachsen zu werden, dieses Wissen hinter sich lassen – der mag in dieser für ‚vernünftig‘ gehaltenen Ansicht verharren. Doch was man wegdrängt und wegschiebt, kommt wieder. Es holt einen ein, irgendwann, und sei es an Weihnachten. Und dann?

Das Verdrängte kehrt zurück – in vielerlei Gestalt. Wer mit offenen Augen und Ohren durch Neukölln geht, kann es gar nicht übersehen. So viel Religion wie heute gab es noch nie in diesem Bezirk und damit meine ich nicht nur die Moscheegemeinden. Die religiöse Szene ist vielgestaltig und sie spricht ‚deutsch‘ – Buddhisten, Schamanisten, Hinduisten und die Anhänger von Qi Gong oder Feng shue, um nur einige zu nennen. Galt es vor drei Jahrzehnten noch als höchste Form der Selbstbestimmung, sich aus jeder Religion gelöst zu haben, so ist es für viele Menschen heute ganz selbstverständlich, sich zum eigenen Lebensentwurf auch das passende Stück ‚Religion‘ zu wählen.

Was man wegdrängt und wegschiebt, kommt wieder. In den Kirchen hat man das lange Zeit nicht beachtet. Die ‚Säkularisierung‘ galt selbst unter Christen als ein unumkehrbarer Prozeß. Daran gab es keinen Zweifel. Jetzt erleben wir, dass die Botschaft vom ‚Ende aller Religion‘ im Westen unseres Landes nicht einmal eine Generation überdauert hat und im Osten zwar über drei Generationen bestimmend war – mit den dort sichtbaren Resultaten. Aber das Verdrängte wird auch im Osten wiederkehren.

Wie uns gestern mancher einredete, das Zeitalter des „religionslosen Christentum“ habe begonnen, wird uns heute geraten, dass wir uns an den unübersehbaren Trend zur Religion heranhängen und quasi auf der religiöse Welle mitsurfen sollen. Vielleicht haben die Kirchen deshalb so viel Vertrauen eingebüßt, weil sie in einem ganz anderen Sinne ‚zeitgemäß‘ geworden sind, sprich vom jeweiligen Zeitgeist bestimmt und damit beliebig.

„Und das nehmt zum Zeichen: ihr werdet ein Kind finden in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ Was sich wohl die Hirten gedacht haben, als sie sich mit nichts anderem als diesen Worten auf den Weg machten? Der Welterlöser geboren in einer Krippe ? Und ausgerechnet in Bethlehem, dem unbedeutendsten der ohnehin nicht bedeutsamen Dörfer Judäas? Eigentlich zu wenig, um daran irgendwelche Hoffnungen zu knüpfen. Denn sollte der Erlöser nicht in Pracht kommen, sich die ganze Welt unterwerfen und den Menschen alle Reichtümer der Welt bringen – jedenfalls predigten das die Gebildeten und Gelehrten. Warum haben sich die Hirten dennoch auf den Weg gemacht und sind nach Bethlehem gezogen? Weil die Welt von unten betrachtet immer anders aussieht als wenn man sie von oben anschaut?

Nun – wenn die gesamten himmlischen Heerscharen aufgeboten werden, wer würde sich nicht auf den Weg machen!? Ach, wie einfach wäre es, zu glauben, würde uns doch wenigsten ab und zu nur ein Engel erscheinen. Es müssen ja nicht gleich viele sein! Johannes Calvin, dem so viel Härte und Strenge nachgesagt wird und der doch ein Seelsorger war, wie es wohl nur wenige gegeben hat – Calvin hat sich viele Gedanken darüber gemacht, ob denn „den einzelnen Gläubigen einzelne Engel zu ihrem Schutz zugeteilt“ sein könnten.

Und weil er bei Matthäus ein Wort von Jesus fand, wonach die Engel aller Kinder allezeit in das Angesicht Gottes blicken - wurde er doch ziemlich unsicher. Und er fragte sich, ob damit nicht doch „ein jeder seinen eigenen Engel haben“ könnte. „Jedenfalls ist das sicher, dass sich nicht bloß ein Engel um jeden von uns kümmert, sondern dass sie alle einmütig über unser Heil wachen“ – so lautete die Schlußfolgerung Calvins Was den Hirten recht war, sollte uns billig sein. Denn was hatten sie, was wir nicht haben?

„Und als die Engel von ihnen zum Himmel fuhren, sagten die Hirten zueinander: Laßt uns nun nach Bethlehem gehen und sehen, was geschehen ist, wie es uns der Herr verkündet hat“. Die Hirten machten sich auf den Weg, und sie kehrten erst um, als sie alles gesehen hatten, wie ihnen der Engel gesagt hatte. Welches große Vertrauen muss die Botschaft der Engel in ihnen ausgelöst haben? Ein Vertrauen, dass sie selbst dann noch trug, als sie in den ärmlichen Stall eintraten, in dem eine Frau gerade ein Kind zur Welt gebracht hatte. Hätten die Hirten nicht spätestens hier stutzen und umkehren müssen – ein Kind, das in einer Futterkrippe liegt, soll der Heiland sein?

Gewiss mag die Hirten auch ein bisschen die Neugier getrieben haben, die Probe auf` s Exempel zu machen, ob sie denn tatsächlich ein Kind finden würden wie ihnen die Engel gesagt hatten. Doch wie lange hält Neugier an? Und was vermag die Erinnerung an himmlische Heerscharen, wenn der Alttag einkehrt? Wie soll man den Nachbarn, den Freunden, den Verwandten erklären, dass im Stall von Bethlehem der Heiland geboren ist? „Ein Kind in einer Krippe, in einem Stall? Was soll daran so Besonderes sein? Millionen Kinder kommen unter solchen erbärmlichen Umständen zur Welt.“

Sage keiner, dass solche Zweifel erst die Frucht der Moderne sind. Johannes Calvin hat sich in einer Weihnachtspredigt mit viel Gespür auf den Weg der Hirten gemacht und beschrieben, was alles den Hirten „den Mut hätte nehmen können,“ so dass sie nie zu Jesus gekommen, „vielmehr ihm fremd geblieben wären.“ Doch die Hirten fanden Jesus und erkannten, dass nun erfüllt war, was die Alten verheißen hatten. Gott war Mensch geworden am Rande der Welt, in der Niedrigkeit eines Stalles, ohne Ehre, Pracht und Vornehmheit – wie einer – so Calvin – dem Herberge und Menschengemeinschaft versagt, der schon bei seiner Geburt gleichsam aus der Reihe der Menschen gestrichen schien.

Das aber ist es, was wir von den Hirten lernen sollen, sagt Calvin: nämlich „was unser Herr und Heiland von seiner Geburt an auf sich genommen hat, damit wir, wenn wir ihn suchen, nicht lange Umwege machen müssen, um ihn zu finden und um wahrhaftig eins mit ihm zu werden.“ Ein zu werden mit dem Sohn Gottes, ja mit Gott selbst. Wie immer andere Religionen und ihre Gläubigen unser Zeugnis vom Mensch gewordenen Gott bewerten mögen – ob es ihnen vereinbar erscheint mit ihren Gottesbildern oder nicht – hier werden wir uns nichts abhandeln lassen und auch keine Unschärfen dulden.

Dass Gott sich in die Niedrigkeit begab und Mensch wurde, ist und bleibt das Kennzeichen des christlichen Zeugnisses von Gott. Darin gründet das, was selbst jene anerkennen, die keine Christen sind: die Sorge für die Kranken, die Solidarität mit den Schwachen, das Eintreten für die, die keine Stimme haben, der Schutz derer, die sich nicht selbst schützen können – eben die Kultur der Solidarität, die das Antlitz unseres Kontinentes (und vieler anderer Regionen der Welt) bis heute prägt und hoffentlich weiter prägen wird. Natürlich: es gibt unzählige Menschen, weltweit, die in ähnlicher Weise handeln und dabei ihr Handeln anders begründen als wir Christen.

Wenn wir von dem sprechen, was uns dabei trägt, bedeutet das nicht, dass wir damit anderen absprechen, dass ihr Handeln nicht ebenso hilfreich und nützlich ist. Für uns, die wir – wie Calvin sagt – eins geworden sind mit Christus, gilt: die Solidarität mit den Schwachen und Gefährdeten ist nicht eine Sache unter vielen, die uns mal wichtig sein könnte und dann mal wieder nicht, je nach Laune oder Kassenlage. Die Solidarität mit den Schwachen und Gefährdeten ist das Zeichen schlechthin, an dem das Zentrum unseres Glaubens sichtbar wird: dass Gott uns durch alle Anfechtungen, durch alle Schwächen und Gefährdungen hindurch bewahren und zum Leben führen will.

Denn so verheißt der Prophet Jesaja: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Dass wir das glauben und für unser Heil annehmen dürfen, dafür steht das Kind in der Krippe – zerbrechlich und gefährdet wie wir, machtlos und scheinbar ausgeliefert, und doch von Gott bewahrt – auch durch den Tod am Kreuz hindurch. Krippe und Kreuz! Die Zeichen, in denen Gott sich uns zu erkennen gibt: als unser Retter und Heiland.

Morgen werden wir wieder zurückblicken auf den ‚Heiligen Abend‘. Und mancher wird sich vielleicht vornehmen, es nicht bei dem weihnachtlichen Gottesdienstbesuch zu belassen, sondern im neuen Jahr (wenigstens ab und an) zur ‚Kirche‘ zu gehen. So als eine Art Test, eine Art Probe auf's Exempel, ob das an Weihnachten gehörte weiter trägt, jenseits der Feststagsstimmung – ob etwas von dem Vertrauen, das die Hirten trug, auch uns erfüllen und beflügeln könnte. Sage keiner: das ist nicht möglich. Es ist möglich. Und niemand soll sich rechtfertigen müssen, wenn er oder sie sich aufmacht, nach dem zu suchen, der der einzige Trost ist im Leben wie im Sterben. Calvin sagt; wir kämen zur höchsten Weisheit, wenn wir von den Hirten lernen wollten. Gebe Gott, dass uns dabei die Engel den Weg weisen – wie weiland den Hirten.

Amen

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