Predigten | Über Markus 9,14–29

von Pfr. Dr. Bernd Krebs

14 Und sie kamen zu den Jüngern und sahen eine große Menge um sie herum und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten.
15 Und sobald die Menge ihn sah, entsetzten sich alle, liefen herbei und grüßten ihn.
16 Und er fragte sie: Was streitet ihr mit ihnen?
17 Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist.
18 Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, daß sie ihn austreiben sollen, und sie konnten's nicht.
19 Er aber antwortete ihnen und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!
20 Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riß er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund.
21 Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist's, daß ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf.
22 Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, daß er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!
23 Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst - alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.
24 Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!
25 Als nun Jesus sah, daß das Volk herbeilief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein!
26 Da schrie er und riß ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, so daß die Menge sagte: Er ist tot.
27 Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.
28 Und als er heimkam, fragten ihn seine Jünger für sich allein: Warum konnten wir ihn nicht austreiben?
29 Und er sprach: Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten.

Wieder so eine Geschichte, in der Jesus schroff und abweisend reagiert – in der ihm die Menschen die erbetene Hilfe geradezu abtrotzen müssen! Wenn ein Arzt sich so verhalten würde – es spräche sich schnell herum im Kiez. Vielleicht gäbe es den einen oder anderen Patienten,der entschuldigend sagen würde: „Das ist zwar ein alter Brubbelkopp, aber als Facharzt eine Spitzenkraft – mich hat er jedenfalls geheilt und Frau M und Herrn R. auch …“ Doch wer möchte sich mit Sätzen anfahren lassen wie diesen: „Wie lange soll ich Sie noch ertragen?“. Oder „Kommen Sie mir nicht mit dem Satz: Sie sind doch der Arzt, sie müssen das doch können – Wer glaubt, kann alles“. Und wie kämen Sie sich vor, wenn ein Pfarrer oder eine Pfarrerin so schroff zu Ihnen wäre, weil Sie ihn oder sie um Hilfe bitten? Es wäre höchste Zeit, dass ein Pfarrerkollege oder eine Älteste diesen einmal beiseite nähme und fragte: „Was ist denn los mit… ? Sie reagieren ja vollkommen gereizt … Fühlen Sie sich überfordert? …Brauchen Sie Hilfe …?“

Helfer müssen Helfer sein. Den Menschen zugewandt. Mit einem offenen Ohr. Geduldig, kompetent und professionell. Das erwarten wir. Und wenn nicht?
Als Jesus – im wahrsten Sinne des Wortes – die Szene betritt, trifft er auf eine aufgeregte Menge, mitten drin die Jünger, die offensichtlich im Streit mit einem Mann liegen – und sofort beschwert sich der Mann bei ihm „Ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie meinem Sohn helfen sollen, aber sie können's nicht“. Nun muss also der Chefarzt ran – er muss es richten. Und irgendwann wird er sich den Oberarzt und den Stationsarzt vornehmen; und die können froh sein, wenn das nicht vor dem versammelten Personal der Abteilung geschieht – Helfer müssen Helfer sein. Den Menschen zugewandt. Mit einem offenen Ohr. Geduldig, kompetent und professionell. Aber was ist, wenn auch der Chefarzt mit all seiner Erfahrung und seinem Wissen nicht die erhoffte Heilung zu bringen vermag?

Die Art und Weise, mit der sich Jesus die Beschwerden des Kranken darstellen läßt, um dann durch Nachfragen beim Vater weitere Informationen zur Krankheitsgeschichte zu erheben – das ist, auch nach heutigen Regeln der ärztlichen Kunst, professionell. Ohne Anamnese keine Diagnose. Ruhig bleiben. Sich ein Bild machen. Nachfragen. Schritt für Schritt vorgehen. Dann erst können verschiedene Möglichkeiten in Betracht gezogen werden, wie in dem Fall gehandelt werden muss …

In welcher Anspannung das alles geschieht, davon zeugt der gereizte Wortwechsel, der zwischen dem Vater und Jesus aufbricht. „Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich über uns und hilf uns.“, sagt der Vater. Wer kann es ihm verdenken, nach dem Fiasko, das er mit mit den Jüngern erlebt hat und den schroffen Worten Jesu? Angehörige sind häufig ungeduldig. Sie wollen wissen, was ist und welche Chancen auf Heilung bestehen.

Sie sind hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung auf Rettung, die sich aus einem tiefen Vertrauen in die Leistungen der Medizin speist, und diffusen Zweifeln, ja Ängsten, die aus vielen Geschichten herrühren über ärztliche Kunstfehler, unerklärliche Komplikationen. So stehen sie da, so stehen wir da wie eben dieser Vater, zwischen Glauben und Unglauben, zwischen Hoffen und Bangen.  

„Sie müssen uns schon vertrauen – damit helfen Sie ihrem Sohn am besten“
Ob Jesus das mit seinen – zunächst so schroff klingenden Worten – sagen wollte!?  Wenn ein Mensch gesund werden soll, dann bedarf es dazu nicht nur des Einsatzes aller Mittel, die den Ärzten und Ärztinnen zur Verfügung stehen; es bedarf auch des mithelfenden Vertrauens des Patienten und seiner ihn begleitenden Nächsten. Ein Patient, der sich selbst aufgegeben hat, dem wird auch ein Arzt nicht mehr helfen können; und eine Patientin, der von ihren Nächsten beständig das Gefühl vermittelt wird, dass man sie mit ihren Ängsten und Sorgen, wie mit ihrem Hoffen nicht ernst nimmt, wird es schwer haben, gesund zu werden. Der Satz „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“ ist ein Satz von tiefer existentieller Bedeutung.

Jeder Mensch braucht, um getrost leben (und getrost sterben!) zu können, ein Grundvertrauen. Ohne das Grundvertrauen, dass Gott mich nicht aufgibt – was auch immer geschieht, würde sich mein Leben in einer solchen gereizten, angespannten, von untergründigen Aggressionen geprägten Weise abspielen, wie wir es in dieser Geschichte miterleben. Und jeder von uns weiß nur zu gut, dass es auch den Stabilsten treffen kann, den, den alle wegen seiner Unerschütterlichkeit bewundern. Und was dann? Wie finde ich zurück zu jenem Gefühl der Geborgenheit und des Vertrauens, aus dem heraus ich bis dahin gelebt habe, zur Quelle meiner Gelassenheit und meiner trotzigen Fröhlichkeit? Könnte ich doch wieder so voller Vertrauen sein wie früher!
Denn ich glaube doch immer noch, irgendwie – aber wer befreit mich von diesem nagenden Gefühl, dass  am Ende doch jene Recht behalten könnten, die mir beständig zurufen: „Es gibt keinen Gott, es hat ihn nie geben…“.

Hier kann es hilfreich sein, das Gespräch mit einem Menschen, der sich meiner Seele annimmt.  Genauso wie ich ja auch einen Arzt aufsuche, wenn ich an mir Symptome einer Veränderung oder gar deutliche Anzeichen einer Krankheit entdecke! Und wie der Arzt dann mit mir im Gespräch meine bisherige Krankheitsgeschichte erheben wird, so wird der, dem ich mich in meiner Glaubenskrise anvertraue – ebenso im Gespräch mit mir herauszufinden versuchen, was mich bedrängt und wie ich in früheren Lebensphasen auf solches reagiert habe. Hat mir damals ein Gebet geholfen? Gab es ein Bibelwort, was mich begleitet hat? Gab es Orte spiritueller Erfahrungen, an denen ich wieder zu dem Grundvertrauen zurückgefunden habe, das mich immer trug? Könnte es Sinn machen, diesen oder einen ähnlichen Ort wieder aufzusuchen? Gab es vielleicht eine religiöse Gemeinschaft oder einen einzelnen, im Glauben verwurzelten Menschen, der mir geholfen hat? Könnte ich mir vorstellen, diese Beziehung wieder anzuknüpfen? Welche Rolle hat die Musik bei der Überwindung früherer Krisen gespielt?

Solchen und weiteren Fragen im Gespräch nachzugehen, ist der erste Schritt auf dem Weg der seelischen Heilung. Denn wir glauben ja, dass jeder Mensch zugleich Körper und Geist ist, Leiblichkeit und Seele. Im Blick auf den ganzen Mensch ist es also unumgänglich: in Krisen auch nach den religiösen Ressourcen zu forschen, die in uns stecken, und die uns bei der spirituellen Heilung helfen könnten. Deshalb geht es ja in allen Heilungsgeschichten, von denen die Evangelien berichten, nicht nur um die körperliche, sondern auch um die spirituelle Gesundung der Menschen, die zu Jesus kommen oder ihm vor die Füsse gelegt werden. Es geht darum, ihren Glauben – oder anders gesagt – ihr Grundvertrauen zu stärken.

Und die Schroffheit, mit der Jesus reagiert – wie sollen wir diese deuten?
Die eine Deutung wäre: Warum sollte nicht auch Jesus mal gereizt reagiert haben, genervt von den vielen Menschen, die da ständig auf ihn eindrangen?
Ich glaube jedoch, dass Jesus vor allem deshalb unwirsch reagierte, weil die Jünger – immer noch nicht – begriffen hatten, dass es eines „ganzheitlichen Zugang“ bedarf, um einen Menschen zu heilen. Die körperliche, oder sagen wir es verkürzt, die „medizinische Therapie“ ist nur eine; sie bedarf der Ergänzung durch die „spirituelle Therapie“, also des Gebetes oder Gesanges, der Stille und des Gesprächs, genauso wie der medizinischen Hand- und Kunstgriffe, auf die sich Jesus ebenso verstand – ausweislich dieser Geschichte. Denn Heilung ist ein ganzheitliches Geschehen. 
Das hatten die Jünger vergessen oder es war ihnen noch nicht so in den Blick gekommen. Haben wir es erkannt? Und wenn ja, wie verhalten wir uns in den Krisen unseres Lebens?

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