Predigten | Über Psalm 27 und Calvins Auslegung

Andacht auf der Gesamtephorentagung der Ev. Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz am 27. Mai 2009 über Psalm 27 und Calvins Auslegung von Dr. Bernd Krebs

27,1 Von David.Der HERR ist mein Licht und meine Rettung, vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist meines Lebens Zuflucht, vor wem sollte ich erschrecken? 2 Dringen Übeltäter auf mich ein, mich zu zerfleischen, meine Gegner und meine Feinde, sie müssen straucheln und fallen. 3 Mag ein Heer mich belagern, mein Herz fürchtet sich nicht;mag Krieg sich gegen mich erheben,bleibe ich doch voll Zuversicht. 4 Eines nur habe ich vom HERRN erbeten, dies eine begehre ich: zu wohnen im Hause des HERRN alle meine Tage, zu schauen die Freundlichkeit des HERRN und nachzusinnen in seinem Tempel. 5 Denn er birgt mich in seiner Hütte am Tage des Unheils, er beschirmt mich im Schutz seines Zeltes, hebt mich empor auf einen Felsen. 6 Nun kann mein Haupt sich erheben über meine Feinde rings um mich her. Ich will Opfer darbringen in seinem Zelt, Opfer des Jubels, will singen und spielen dem HERRN. 7 Höre, HERR, mein lautes Rufen, sei mir gnädig und erhöre mich. 8 An dein Wort denkt mein Herz: Sucht mein Angesicht. Dein Angesicht, HERR, will ich suchen. 9 Verbirg dein Angesicht nicht vor mir. Weise deinen Diener nicht ab im Zorn. Du bist meine Hilfe. Verstosse mich nicht und verlass mich nicht, du Gott meiner Rettung. 10 Wenn auch Vater und Mutter mich verlassen, nimmt der HERR mich auf. 11 Weise mir, HERR, deinen Weg, und leite mich auf ebener Bahn um meiner Feinde willen. 12 Gib mich nicht preis der Gier meiner Gegner, denn falsche Zeugen stehen auf gegen mich und ruchlose Ankläger. 13 Hätte ich doch die Gewissheit, die Güte des HERRN zu schauen im Land der Lebenden. 14 Hoffe auf den HERRN. Sei stark, dein Herz sei unverzagt. Hoffe auf den HERRN.

Man könne die Psalmen mit gutem Grund eine „Anatomie der menschlichen Seele“ nennen, hat Johannes Calvin einmal gesagt. „Denn jede Regung, die jemand in sich empfindet, begegnet als Abbild in diesem Spiegel. Ja, hier hat uns der Heilige Geist alle Schmerzen, Traurigkeit, Befürchtungen, Zweifel, Hoffnungen, Sorgen, Ängste, Verwirrungen, kurzum alle Gefühle, durch die Menschen innerlich hin und her geworfen werden, lebensnah vergegenwärtig“.

Dass wir uns in den Psalmen wie in einem Spiegel wiedererkennen können – dieser Auffassung Calvins werden wohl die meisten von uns zustimmen, vermag sie doch eine Brücke über den „garstigen historischen Graben“ hinweg zu schlagen, der uns von vielen Texten der Bibel zu trennen scheint. Für viele Menschen ist der Psalter – Gott sei Dank heute wieder – zu einem Gebetbuch geworden, das sie nicht missen wollen. Denn sie finden sich mit ihren Erfahrungen in dem wieder, was Menschen vor Jahrtausenden in diesem Buch in Worte gefasst haben.

„Ich entdecke in den Psalmen eine Sehhilfe für die Spuren der Güte Gottes, die unser Leben durchziehen. Ich finde in ihnen aber auch eine Sprachhilfe für alles, was das Glauben schwer macht und wofür wir, zumal in der Kirche, oft keine angemessenen Worte haben: für die Verzweiflung, die Scham, die Wut“ – so schreibt Sylvia Bukowski, die mit ihren Gebeten zu den Wochenpsalmen einen (sehr besonderen) Beitrag zur Wiederentdeckung der Psalmen für den gottesdienstlichen Gebrauch, wie auch für das persönliche Gebet geleistet hat.

 „Aus dem Erfahrungsschatz der Psalmen schöpfen und gleichzeitig die heutige Befindlichkeit wahrzunehmen“ – auf diese Formel hat Sylvia Bukowski ihre Auseinandersetzung mit den biblischen Psalmen gebracht. Dass sie von den Psalmen als einer „Sehhilfe für die Spuren der Güte Gottes“ spricht – und zwar an erster Stelle, mag vielen, selbst treuen Kirchgängern immer noch befremdlich erscheinen. Wer die Psalmen Sonntag für Sonntag hört oder im Wechsel der Stimmen mitspricht, drängt sich dem oder der nicht eher ein anderer Eindruck auf? Der Eindruck des Bedrohtsein, des Angefochtenseins, der Verzweiflung, der Sorgen und Ängste – eben so wie Calvin schreibt. Ganz zu schweigen von den Rachegedanken und dem Ruf nach Vergeltung, der uns aus manchem Psalmen entgegenschallt.

„Der Herr ist meines Lebens Zuflucht, vor wem sollte ich erschrecken“, heißt es im Psalm 27, nach der neuen Zürcher Übersetzung. Calvin deutet diese Stelle so: David ermuntere sich hier „inmitten seiner Anfechtungen zu fröhlicher Hoffnung, indem er sich die früheren Wohltaten Gottes in Erinnerung ruft ... Denn nichts wirkt kräftiger als die Vergegenwärtigung früherer Ereignisse, bei welchen Gott uns ein deutliches Beispiel seiner Gnade, Wahrhaftigkeit und Macht gegeben hat.“ Den Spuren der Güte Gottes im eigenen Leben nachspüren. Sich der Hilfe Gottes erinnern! 

Statt der zu seiner Zeit bestimmenden allegorischen Auslegung ging es Calvin immer zunächst um eine Erfassung des historischen Schriftsinns. Dabei spürte Calvin in Grammatik und Syntax jedem einzelnen Satz des hebräischen Urtextes nach, prüfte die Worte und Wendungen hinsichtlich ihrer Bedeutungen im jeweiligen Sachzusammenhang und fragte nach ihrem vermutlichen „Sitz im Leben“. Zugleich aber erschloss sich ihm durch die Beschäftigung mit dem Text eine Vielzahl von Deutungen der eigenen Situation. Aus dem Erfahrungsschatz der Psalmen schöpfen und die eigene Befindlichkeit annehmen!   

Wie weit diese Identifikation bei Calvin ging, beschreibt Christin Link in der Einleitung zur Studienausgabe des Psalmenkommentars. Calvin habe sich beständig in der Gestalt des David wiedererkannt: „seine unerwartete Berufung zum Reformator, seine oft angefochtene Stellung in Genf, seine Kämpfe und Niederlagen in der Arbeit an der Erneuerung der Kirche“, alle diese Erfahrungen sah er in der Person Davids widergespiegelt. 

Oder um es mit Calvins eigenen Wort zu beschreiben: „Meine reichlichen Erfahrungen aus den Kämpfen, in denen der Herr mich auf die Probe gestellt hat, haben mir gehörig dabei geholfen, nicht nur die von mir in den Psalmen entdeckte Lehre für die Gegenwart nutzbar zu machen, sondern auch einen möglichst freien Weg gebahnt zu finden, um die Absicht der einzelnen Verfasser der Psalmen zu erkennen.“

Zu den Auslegungsgrundsätzen, denen Calvin folgte, gehörte deshalb nicht nur das Gespräch des Auslegers mit seinem Text. Ebenso wichtig war für Calvin das Gespräch zwischen ihm als Ausleger und seinen Lesern bzw. Hörern, die ja zum größten Teil Flüchtlinge waren – wie Calvin selbst. Calvins Psalmenauslegungen sind deshalb Zeugnisse seiner Seelsorge an den aus Frankreich vertriebenen Glaubensgeschwistern und denen, die versuchten, der Verfolgung im Heimatland zu widerstehen. Denn „Resister“ – dieses im Deutschen so nicht wiederzugebene Wort bedeutet ja beides: auszuharren und zu widerstehen. 

Da Calvin die Psalmen als Spiegel des eigenen Lebens begriff, ist sein Psalmenkommentar zudem zu einer wichtigen Quelle geworden, seiner Biographie im Allgemeinen und seinem theologischen Werdegang im Besonderen nachzuspüren – war doch Calvin ansonsten höchst zurückhaltend, was Auskünfte über sich selbst betraf. Calvin inszenierte sich nicht selbst. Er war kein Schauspieler.

Calvin hat auch ausgeteilt, und nicht zu knapp. Sein Spott war beißend, seine Polemik heftig. In beidem stand er Martin Luther in nichts nach. Doch allen Verzeichnungen und Zerrbildern zum Trotz, die bis zum heutigen Tag über ihn verbreitet werden. Calvin war kein Despot. Er hat niemals nach persönlicher Macht gestrebt.

Es wäre für ihn und andere besser gewesen, wenn er etwas zurückgezogener hätte leben können, gestand er einmal Heinrich Bullinger, dem anderen großen Schweizer Reformator. Doch Gott habe ihn immer wieder in die Öffentlichkeit gezogen, ihm einen Platz auf der Bühne zugewiesen. Dabei besitze er doch „von Natur aus nicht viel Mut“, sei „schüchtern, ängstlich und schwach“ – so Calvins Urteil über sich im Vorwort zum Psalmenkommentar. Die Ähnlichkeiten mit David sind nicht von der Hand zu weisen. Deshalb konnte er sich mit diesem wohl identifizieren.

Wenn Calvin stritt, dann nicht für sich, sondern allein für die Ehre Gottes. Gott außerhalb des Zugriffs der Menschen zu halten, die sich Gottes immer wieder zu bemächtigen versuchen, und Gott zugleich vollkommen auf die Menschen zu beziehen, „das war die fast unlösbare Aufgabe“, vor der Calvin sich zeitlebens gestellt sah – so sein Biograph Hermann Selderhuis. Das ging oft über die Kräfte diese schmalen, zerbrechlichen, von Krankheiten geplagten Mannes. Doch Calvin vertraute der göttlichen Vorsehung.

„Alle Ängste“, so schrieb er in seiner Auslegung zu Psalm 27, „entstehen nur daraus, dass unser Leben uns allzu lieb ist, wir jedoch Gott nicht als dessen Hüter erkennen. Daher wird es so lange keinen Frieden für unsere Seelen geben, bis wir überzeugt sind, dass unser Leben recht bewahrt ist, weil Gott es mit seiner Hand und seiner Kraft schützt.“

Wenn ich daran denke, dass in so mancher Region unserer Landeskirche das Sterben der Gemeinden fast unabwendbar scheint – wenn denn die Demographen mit ihren Prognosen Recht behalten sollten, dann kann einen Hilflosigkeit und Trauer überkommen. Wir Reformierten können davon manches betrübliche Lied singen. Was sollen, was können wir noch ausrichten, wenn in den Dörfern bald niemand mehr wohnt? Wem sollen wir das Wort Gottes predigen und mit wem sollen wir Gemeinde bauen, wenn selbst von denen, die in der x-ten Generation „ohne Gott“ zu leben sich eingerichtet haben, keiner mehr übrig sein wird?  

„Verbirg dein Angesicht nicht vor mir. Weise deinen Diener nicht ab im Zorn. Du bist meine Hilfe. Verstoße mich nicht und verlass mich nicht, du Gott meiner Rettung“, heißt es im Psalm 27. Calvin schrieb zu diesem Vers: David erkenne hier, dass Gott ihn mit Recht verwerfen könnte, und bitte Gott um Abwendung des Zorns. „Doch indem er sich frühere Wohltaten Gottes ins Gedächtnis ruft, ermutigt er sich selbst zu der Hoffnung, diese erneut zu erlangen. Damit bewegt er Gott dazu, sein Hilfe fortzusetzen, und sein Werk nicht unvollendet zu lassen.“

Ja, lieber Calvin, wenn es denn so auch bei uns kommen möchte – ist man geneigt einzuwenden und wünschte sich die Zuversicht und Unerschütterlichkeit des Genfer Reformators. Denn nichts ist schwieriger, als Gott dadurch die Ehre zu erweisen, dass man weiterhin an ihm festhält, auch wenn er sich fernhält und verbirgt, oder seine Hilfe hinausschiebt – so Calvin.

Zum Schluss noch zwei Beobachtungen zu Calvins Kommentar des 27. Psalms. „Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen“, heißt es am Ende des Psalms, in der Luther-Übersetzung. Während es – bis heute – gang und gäbe ist, diese Schlusssequenz des Psalms im Lichte der Auferstehungshoffung auszulegen, bestand Calvin auf dem Wortsinn. „Dass manche das Land der Lebenden auf das himmlische Erbe beziehen, ist gesucht und widerspricht dem Schriftgebrauch“, schreibt er. Hier gehe es unzweifelhaft um das gegenwärtige Leben, in dem zu bleiben David von Gott erbittet. Punktum.

Dass Calvin auf dem ursprünglichen Wortlaut bestand (nicht nur hier, sondern an vielen anderen Stellen der Hebräischen Bibel), brachte ihm den Vorwurf ein, er judaisiere bei der Auslegung des Alten Testamentes. Ein Vorwurf, der uns Heutigen wie ein Menetekel erscheint. Wenn es darum geht, der Abwertung der Hebräischen Bibel als „Altem Testament“ entgegenzuwirken und sie als eigenständiges, weiterhin gültiges Zeugnis von Gottes Barmherzigkeit zu achten, werden Reformierte deshalb ihre Stimme erheben, aber eben nicht nur sie.

Meine letzte Anmerkung zu Calvins Auslegung des 27.Psalms lenkt den Blick auf eine vermeintlich „typisch reformierte Eigenart“: die Kargheit der reformierten Kirchräume. Dass David darum bittet, im Hause des Herrn bleiben zu dürfen, um – wie Luther übersetzt – die schönen Gottesdienste des Herrn zu erleben, das mag der überzeugte Reformierte noch durchgehen lassen. Aber der Wunsch „seinen Tempel zu betrachten“? Was soll es da zu betrachten geben, wenn das Bilderverbot gilt? Weiße Wände? Eventuell noch ein Zitat aus dem Heidelberger Katechismus oder die Gebotstafeln?

Nun aber Calvin. Er schreibt zu diesem Vers: „Auch wenn ich gestehe, dass zwischen uns und den Vätern ein großer Unterschied besteht, hält Gott dennoch die Seinen auch weiterhin in einer gewissen Ordnung und führt sie durch irdische Anleitungen zu sich. So haben auch heute die Tempel ihren Schmuck, der die Gefühle und Gebete der Gläubigen auf rechte Weise zu Gott hinziehen soll.“ Wobei zum besseren Verständnis angefügt werden muss, dass die französischen Protestanten ihre Gotteshäuser bis heute „temple“, also „Tempel“ nennen. O Calvin! Wenn doch Deine Nachfolger Deine biblischen Kommentare sorgfältiger gelesen hätten – wie viel „schmucker“ kämen ihre Kirchräume heute daher – „die Gefühle und Gebete der Gläubigen auf rechte Weise zu Gott hin zu ziehen“. Oder um es etwas allgemeiner auszudrücken gerichtet: Kirche des Wortes zu sein ist keine Rechtfertigung für einen lieblosen Umgang mit den Gottesdienstlichen Räumen.

Es erweist sich also als höchst nützlich, von Calvin angeleitet in den Psalmen zu lesen, sich den Spiegel vorhalten zu lassen und so dem Handeln Gottes in unserem Leben auf die Spur zu kommen – hoffentlich nicht nur im Calvin-Gedenkjahr.

Amen

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