Predigten | Zum ökumenischen Gottesdienst im Mai 2004

von Pfr. Dr. Bernd Krebs (31.Mai 2004)

Ich stand an unserem Schaukasten und wollte gerade die Ankündigung für den Ökumenischen Gottesdienst aushängen. Ein älterer Herr war herangetreten und beobachtete mich. Was so’n rechter Neuköllner ist, der guckt nicht nur zu – der gibt auch seinen Kommentar dazu. „Ökumenisch“ buchstabierte er laut. „Was is’n det? Ick kenn nur ökonomisch! Macht de Kirche jetzt ooch in Wirtschaft?“ Der Mann verschränkte die Arme und schaute mich herausfordernd an.

Jetzt war ich an der Reihe. „Nee, guter Mann. ‚Ökumenisch‘ bedeutet, dass da Christen aus verschiedenen Kirchen was Gemeinsames unternehmen. Zum Beispiel am Pfingstmontag, da feiern im Körnerpark Katholiken, Evangelische, Freikirchler und auch Christen aus anderen Ländern gemeinsam Gottesdienst“.

„Hm“, antwortete der Mann, „wie det letzte Jahr hier Berlin? Da war doch och so ville unterwegs, wa?“ 

Das Eis war gebrochen. Nun ging es munter hin und her. Über die „Kirchen" im Allgemeinen und im Besonderen. Über politisierende Pfarrer – ein Thema, auf das man in Berlin unvermeidlich kommt. Und über Bischöfe, die „zu allem und jedem wat sagen müssen" und „am Ende jenauso reden wie de Politiker“. Und dann die Frage, die immer kommt: „Nu sajen Se mal, Herr Pfarrer, wat det mit den vielen verschiedenen Kirchen soll? Macht jeder seins?! Ick denk, et jibt nur eenen Jott …?" Ich habe mir, so meine ich, redliche Mühe gegeben, dem guten Mann zu erklären, woher es kommt, dass sich im Laufe der Geschichte unterschiedliche Kirchen herausgebildet haben – aber überzeugt hat ihn das nicht. 

„Nee, Herr Pfarrer, da könn’se reden, so viel Se wollen: det et so ville Kirchen jibt, will mir nich in’n Kopp. Ist doch nur een Jott im Himmel – und hier uff de Erde macht jeder seen Ding? Det kann et nich sein – wenn Se mich fragen. Aber mich fragt ja keener …“ 

Da stand ich also und war wieder einmal etwas ratlos. Jeder / jede von uns hat das so oder ähnlich schon selbst erlebt. Viele Menschen wünschen sich mehr Eindeutigkeit. Sie wollen oder können die Unterschiede oder Gegensätze, die es zwischen den einzelnen christlichen Richtungen gibt, nicht verstehen. Und je unübersichtlicher sich ihnen die politischen Verhältnisse darstellen, desto ausgeprägter ist der Wunsch, dass wenigstens die Kirchen nicht auch noch gegeneinander stehen, sondern sich „endlich zusammenraufen und mit eener Stimme sprechen“. 

Ich kann diese Erwartung an die Kirchen gut verstehen – hier spricht eine tiefe Sehnsucht nach Orientierung und nach spirituellem Halt, nach Wegweisung in unübersichtlich gewordenen Zeiten. Ja, mancher/manche, die sich längst von „ihrer“ Kirchen, zu der sie einmal gehörten, abgewandt haben, sprechen heute, im Zeichen erstarkenden Islamismus, sogar davon, dass nun endlich die Kirchen auf den Plan treten müssten – und zwar gemeinsam, und nicht zersplittert. Doch ist das die Aufgabe, die uns, den Kirchen und Gemeinschaften, gestellt ist: gegen Menschen anderen Glaubens aufzustehen? Vielleicht sogar selbst den „Kampf der Kulturen“ auszurufen? 

Die Vielfalt, so hören wir aus dem Brief des Apostel Paulus, war und ist das Kennzeichen der Gemeinde Jesu. Gott wirkt in und durch die verschiedenen Gaben, die er in uns Menschen zu wecken vermag. Und das sind, Gott sei Dank, viele Gaben, Begabungen, Fähigkeiten, die wir Menschen zum Aufbau der Gemeinde und zum Segen der Nächsten einbringen können und sollen. 

Paulus zählt einige davon – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Denn das zeigt ja die Geschichte der Gemeinde Jesu, dass sich neben den – ich will sie einmal so nennen – „klassischen" Gaben immer wieder neue Fähigkeiten als wichtig und wegweisend erwiesen haben. 

Da ist Menschen die Fähigkeit gegeben, andere an der Hand zu nehmen und sie zu neuen spirituellen Erfahrungen zu führen. Für uns Protestanten sind es hier gerade Vertreter anderer christlicher Glaubensrichtungen, denen diese Gabe gegeben ist – sie bringen uns zu einer Vertiefung unseres Glaubens, weil sie uns einführen können in alte, traditionelle Formen christlicher Spiritualität, wie der Meditation oder der Versenkung. 

Andere Christen wiederum verfügen über die Gabe, komplizierte Zusammenhänge aufzuschlüsseln. Mit dieser Gabe helfen sie uns, dass wir nicht die Orientierung verlieren, dass wir erkennen, was Gott von uns heute fordert – an Veränderung und Erneuerung unseres je einzelnen Lebens wie des Lebens auf dieser Erde insgesamt. 

Ihnen zur Seite stehen die Menschen, denen die Fähigkeit gegeben ist, klar und wegweisend, also prophetisch zu reden – keine Pressesprecher oder Verbandsvertreter, die sich in Floskeln ergehen und „rum reden“, sondern Menschen, die eine klare Sprache sprechen, bei denen Ja auch Ja ist und Nein Nein. 

Die Reihe ließe sich fortsetzen. Ich kann nur noch weniges andeuten: etwa die Gabe, Menschen in Krankheit zu begleiten und zur Genesung zu helfen oder die Fähigkeit, in einer verfahrenen Situation das rechte Wort zur rechten Zeit zu finden und damit den Weg zu weisen heraus aus Streit, Trennung, Entzweiung – unverhofft und nicht (mehr) für möglich gehalten und plötzlich da, wie ein Wunder.

In allen diesen Gaben, so schreibt der Apostel Paulus, wirkt der eine Geist, der eine Herr und Gott, „der alles in allen wirkt“. Die Vielfalt der Gaben ist also das Werk Gottes.

Gott ist Ausgangspunkt aller dieser so unterschiedlichen Fähigkeiten, mit denen und durch die ER in der Gemeinde Jesu am Werke ist. 

Dass Paulus dies so herausstreicht, hatte seinen Grund in der typisch menschlichen Art, lieber einzugrenzen als Weite zu zulassen; lieber „klein und fein“ zu bleiben als der Vielfalt Raum zu geben, lieber dem Altbewährten zu folgen als sich dem verstörend Neuen zu öffnen. Denn die Entdeckung der Vielfalt kann auch verunsichern und ängstigen. „Wird unser Bild als Kirche nicht zu unscharf?“ … „Müssen wir nicht mehr Kontur zeigen?“ … „Erwarten die Menschen von uns nicht mehr Eindeutigkeit“ … So hören wir uns und andere heute, wohl in allen Kirchen reden. 

Vielfalt der Gaben bedeutet jedoch nicht Beliebigkeit. Und Pluralität und Eindeutigkeit schließen sich nicht gegenseitig aus. In Zeiten der Entscheidung hat die Gemeinde Jesu – Gott sei es gedankt – immer wieder zu entschiedener Rede gefunden. Etwa heute vor 70 Jahren, als die Bekenntnissynode in Barmen zu jenem richtungsweisenden Wort gegen die nazistische Irrlehre, gegen Führerkult und Totalitarismus fand, das heute zu den grundlegenden Bekenntnissaussagen fast aller deutschsprachigen Ev.Kirchen zählt. 

Die Unschärfe mancher kirchlichen Rede heute ist – so meine ich – nicht die Folge von zu großer innerkirchlicher Vielfalt, sondern die Folge davon, dass statt der Heiligen Schrift der Zeitgeist regiert. Eine vielgestaltige Kirche ist zur Eindeutigkeit fähig, wenn sie beim Wort ihres Herrn bleibt. Und die Kirchen zusammen sind zu solcher Eindeutigkeit ebenso fähig, wenn sie sich von dem einen Geist leiten lassen. 

Denn darin hatte der ältere Herr ja durchaus Recht, als er klagte: „Ist doch nur een Jott im Himmel – und hier uff de Erde macht jeder seen Ding. Det kann et nich sein …“. 

Wenn wirklich „jeder (nur) seen Ding“ machen würde, mit bösem Blick oder gar mit der Faust in der Tasche (das soll es ja mal zwischen den Kirchen hierzulande gegeben haben!) – dann würde die Gemeinde Jesu ihre Bestimmung verfehlen, die Gemeinde in den vielen Gemeinden und Kirchen! 

Die Vielfalt der Gaben und Frömmigkeitsstile, die Vielfältigkeit der Formen, in denen sich Gemeinden leiten, mit denen sie missionieren und Gottes Wort bekennen – das war und ist seit Anfang ein Zeichen dafür, wie Gott in und unter Menschen wirkt.

Oder um es mit einem Wort des Theologen Ernst Käsemann zu sagen: die Vielfalt der neutestamentlichen Zeugnisse von dem einen Christus, im „Neuen Testament“ zum Kanon zusammengefasst, begründet die Vielfalt der Kirchen und Gemeinden. 

Erst wenn diese Vielfalt im Gegeneinander instrumentalisiert wird, wenn im Ringen um die Wahrheit die Geschwisterlichkeit auf der Strecke bleibt, wenn die einzelnen nur noch „ihrs“ und „ihr Ding“ machen, dann wird das Zeugnis zum ärgerlichen Skandalon – weil menschliche Hybris trennt, was doch seinen Ursprung in dem „einen Gott“ und in dem „einen Geist“ hat. 

Und wie sollen wir uns als Kirchen gegenüber den anderen Religionen verhalten, zum Beispiel gegenüber dem Islam? Von der Forderung, eine „christliche Front“ zu bilden, war eingangs schon die Rede. 

Doch nicht Frontenbildung ist es, was uns Christen aufgetragen ist, sondern Eindeutigkeit in unserem Zeugnis und in unserer Rede – Eindeutigkeit etwa, wenn wir unsere islamischen Mitbürger auf die Grundwerte unserer Gesellschaft hinweisen z.B. auf die Achtung jedes einzelnen Menschen, ob Mann oder Frau, Christ oder Moslem oder Nicht-Gläubiger. Denn als Christen glauben wir, dass jeder Mensch ein Geschöpf Gottes ist, ausgestattet mit unendlichen Fähigkeiten und Gaben, zum Nutzen des Nächsten und zum Nutzen der Gesellschaft. Diese Fähigkeiten und Gaben für ein friedliches Zusammenleben einzubringen, im Respekt vor dem anderen und auf Ausgleich bedacht – das ist unser aller Aufgabe, egal was wir glauben oder wen wir bekennen. 

Die Kirchen stimmen heute, Gott sei Dank, in dieser Zielstellung überein. Gerade deshalb sollten wir Christen, entschieden und selbstbewusst, das Gespräch mit den islamischen Mitbürgern führen, und uns nicht in falsche Frontstellungen drängen lassen. 

Wir haben die Zusagen, dass Gott uns durch seinen Geist in Bewegung bringt; dass er uns die Fähigkeit verleihen kann, in aller Unterschiedlichkeit zugleich klar und eindeutig zu reden – in dem einen Geist, wie Paulus schreibt und zum Nutzen aller. 

Das ist die Botschaft von Pfingsten. Für uns und für die Menschen, mit denen wir hier in Neukölln zusammenleben.

Amen

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