Reformiert | Das Bilderverbot der Reformierten

Das Bilderverbot der Reformierten

Im Jahr 2017 soll das 500-jährige Jubiläum der Reformation gefeiert werden. Zur Vorbereitung auf dieses Datum hat die Evangelische Kirche in Deutschland verschiedene Themenjahre ausgerufen. In diesem Jahr 2015 lautet das Thema „Bild und Bibel“. Hierzu ist es sinnvoll, aus der Sicht einer reformierten Gemeinde einen besonderen Beitrag zu leisten; denn in der reformierten Tradition gibt es – anders als in der lutherischen – eine besondere, skeptische Sicht der Bilder. Dies kommt schon dadurch zum Ausdruck, dass die Reformierten gemeinsam mit den Juden die Zehn Gebote, wie sie im 2. und 5. Buch Mose aufgeschrieben sind, anders einteilen als Katholiken, Orthodoxe und Lutheraner. Das zweite Gebot ist bei Reformierten und Juden das Bilderverbot, bei Lutheranern, Katholiken und Orthodoxen die Mahnung, Gottes Namen nicht zu missbrauchen. Rein äußerlich wird das daran sichtbar, dass Synagogen und reformierte Kirchen weitgehend bilderlos sind, während bei den anderen Bilder in vielfältiger Weise die Kirchen schmücken. Dass die Reformierten den Ruf haben besonders streng und asketisch zu sein, rührt auch von dem nüchternen Eindruck ihrer Kirchen.
Das ist aber nicht der entscheidende Punkt. Das zweite Gebot lautet: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was im Himmel, … noch auf Erden, … noch unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“ (2. Mose 20,4 f.) Das Gebot will uns bewahren vor falschen Göttern. Denn die falschen Götter sind die, von denen man sich ein Bild macht.
Der Philosoph Ludwig Feuerbach hat die grundlegende Gefahr aller Religionen deutlich benannt: „Nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde,… sondern der Mensch schuf sich Gott … nach seinem Bilde.“ Der Mensch macht sich sein menschliches Bild von Gott, so wie es ihm passt. Gott ist nach Feuerbach eine Projektion menschlicher Wünsche und Unzulänglichkeiten. Dabei kommen natürlich vorwiegend die Eigenschaften Gottes zum Tragen, die dem Menschen gefallen. Und so entsteht der liebende, gütige Gott, der die Braven belohnt, die Armen behütet, die Trauernden tröstet. Karl Barth, einer der wenigen Theologen, die sich intensiv mit Feuerbachs Religionstheorie auseinandergesetzt haben, stimmt Feuerbach zu und schränkt ihn gleichzeitig ein: Feuerbach spricht von Religion. Hingegen ist der Glaube in der jüdisch-christlichen Tradition, von dem die Bibel spricht, etwas anderes. Man kann Gott nicht nur auf die angenehmen, freundlichen Eigenschaften beschränken. Die Bibel spricht nicht selten von Gottes Zornestaten, von Vernichtung und Strafen. Gott erscheint nicht als Erfüllungsgehilfe menschlicher Wünsche. Das zweite Gebot zeigt den Weg. Gott ist der ganz Andere. Gott handelt als Souverän. Und wenn du mit dem lebendigen Gott zu tun haben willst, nicht mit Göttern à la Feuerbach, dann musst du dich hüten, Gott festzulegen auf ein Bild, auf einen Begriff auf eine Lehre oder eine Theologie. Mach dir kein Bild!

 

Nun wird ja bereits im Alten Testament Gott in einer Fülle von Bildern beschrieben: Wir lesen von ihm als Hirten, als König, als Adler, als Henne. Offensichtlich können wir Menschen nur in Bildern reden und denken. Ist das Bilderverbot damit schon in der Bibel hinfällig? Nein, denn wir verehren weder den Hirten noch die Henne oder sehen in ihnen Gott: Die Vielzahl der Bilder Gottes verhindert es, Gott auf ein Bild festzulegen. Bilder können Gott und sein Handeln in bestimmten Situationen erklären und nichts anderes macht die Bibel, in der Menschen ihre Erfahrungen mit Gott aufgeschrieben haben. Gott selber steht allen Bildern von ihm noch einmal gegenüber. Übrigens mit einer Ausnahme: Im Neuen Testament wird Jesus Christus das eine wahre Ebenbild Gottes genannt, in dem Gott selber zu erkennen ist, in dem Gott selber gegenwärtig ist. Ob dieses Ebenbild Gottes zu Recht abgebildet werden darf oder ob wir damit nicht nur die menschliche Seite Jesu abbilden und darin die menschliche und göttliche Dimension voneinander trennen, darüber gibt es unter Christen seit Jahrhunderten Auseinandersetzungen – vor allem unter den Kirchen des Ostens und der reformierten Tradition.
„Du sollst Dir kein Bildnis machen“ heißt nicht „Du sollst nicht malen oder fotografieren.“ Wir leben ganz selbstverständlich mit Bildern. Unsere Informationsgesellschaft ist randvoll mit bewegten und unbewegten Bildern. Bilder sprechen vornehmlich Gefühle an und können Informationen abrunden. Aber ein Bild ist zunächst nur ein Stück Papier mit Zeichen, oder eine Projektionswand mit Farben oder eine Mattscheibe mit Lichteffekten. Ein Bild ist ein Bild und man hüte sich davor, das Bild mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Wer sich intensiver mit Bildern und Fotografie – vor allem im digitalen Zeitalter – beschäftigt, weiß, wie leicht man Bilder manipulieren und bestimmte Eindrücke erzeugen kann. Werbefachleute wissen das und Diktatoren nutzen das.
So ist das zweite Gebot, das zunächst wie aus einer längst vergangenen Zeit anmutet, hoch aktuell und könnte Ausgangspunkt einer modernen medienkritischen Erziehung werden.

Godeke von Bremen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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