Reformiert | Die frankophone Gemeinde am Gendarmenmarkt

Die frankophone Gemeinde am Gendarmenmarkt

„Kennen Sie die Hugenotten?“, wurde ich von einem Mitglied des Kirchenvorstandes der französischsprachigen Gemeinde in Berlin gefragt, als ich mich vor neun Monaten um die ehrenamtliche Pfarrstelle dort bewarb, „wir haben nämlich viel mit den Hugenotten zu tun“. Ich glaubte, die Hugenotten zu kennen. Ich war fünf Jahre Pfarrerin in elf Dörfern in Südfrankreich, in denen praktisch alle Protestanten Hugenotten sind. Außerdem bin ich mit einem verheiratet. Dennoch klang die Antwort enttäuscht: „Ach so, die die im Land geblieben sind, damals.“

Dieser kurze Dialog charakterisiert schon in etwa die frankophone Gemeinde in Berlin: Sie hat viel mit den Hugenotten zu tun, aber sie ist keine Hugenottengemeinde, ja noch nicht einmal eine französisch-reformierte Gemeinde.

Die Hugenottengemeinde hat die kleine Gruppe von Zivilisten, die nach der Wende und damit dem Abzug der alliierten Truppen und deren Militärseelsorgern den Wunsch hatte, auch weiterhin Gottesdienste in französischer Sprache zu halten, in der Friedrichstadtkirche aufgenommen. Es waren nicht nur französische Hugenotten oder von Haus aus Reformierte – schon die Militärseelsorge war ja interkonfessionell – sondern auch Deutsche, Schweizer und bald auch Afrikaner verschiedenster religiöser und nationaler Herkunft. Die reformierte Kirche in Frankreich erfasst ohnehin nur 0,5 Prozent der Bevölkerung des Landes, die weder zu Hause noch im Ausland alle engagierte Christen sind.

In den letzten 15 Jahren ist diese kleine Gruppe, die anfänglich etwa zehn, heute etwa 50 am Gemeindeleben teilnehmenden Personen umfasst, immer stärker in die Hugenottengemeinde integriert worden. Die Hugenottengemeinde stellt nicht nur kostenlos ihre Räume zur Verfügung: Gottesdienstraum, Gemeinderäume, Büro, Pfarrerwohnung. Außerdem sind die Mitglieder der französischsprachigen Gemeinde auch Mitglieder der Hugenottengemeinde, sie sind in der reformierten Kreissynode vertreten und ihr/e Pfarrer/in ist „geborenes“ Mitglied des Generalkonvents. Es gibt mehrere zweisprachige gemeinsame Gottesdienste im Jahr und gemeinsame Feste, sowie diakonische Hilfe für die Mitglieder der frankophonen Gemeinde.

Parallel zu dieser Integration in die Hugenottengemeinde geht die Entwicklung der französischsprachigen Gemeinde zu immer größerer konfessioneller Offenheit hin. Predigt, Liturgie und Gemeindeorganisation folgen gewiss einer reformierten Linie, aber die Mitglieder der Gemeinde kommen aus den verschiedensten Kirchen. 90 Prozent der Gottesdienstteilnehmer stammen aus afrikanischen Kirchen, die zum Teil der reformierten Kirche Frankreichs nahe stehen, aber nicht unbedingt reformiert sind.

Da es sich meist um Studenten handelt, liegt der Altersdurchschnitt um 28 Jahre. Im ersten Quartal 2005 gab es schon vier Geburten und weitere sind zu erwarten; zwei Kinder wurden getauft und auch Erwachsenentaufen stehen an.

Jeden Sonntag kommen neue Menschen in den Gottesdienst, die, wenn es ihnen gefallen hat, auch wiederkommen. Es ist aber schwer festzustellen, wer endgültig weggegangen ist. Viele Studenten müssen sonntags und abends arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es kann also durchaus vorkommen, dass jemand ein paar Monate lang nicht zum Gottesdienst oder zur Bibelarbeit kommt und dann plötzlich wieder auftaucht.

Unser Problem ist also die Mobilität. Wie kann man eine so bewegliche Gruppe von Menschen zur Gemeinschaft machen? Wie kann man die älteren europäischen Mitglieder ins Gespräch bringen mit den jüngeren afrikanischen Studenten? Wir essen einmal im Monat nach dem Gottesdienst zusammen und versuchen dabei Gespräche über Themen, die alle interessieren, in Gang zu bringen, aber einfach ist das nicht.

Die Gemeinde möchte all denen Heimat bieten, die sich im Französischen und in einer offenen reformierten Theologie zu Hause fühlen. Einige die zu uns stoßen haben zuvor versucht, in deutschen Gemeinden Fuß zu fassen, sind aber dort nicht immer so herzlich empfangen worden, wie sie es gewünscht hätten. Das ist auch unser Problem: Den Neuankömmlingen entgegenzugehen, sie willkommen zu heißen und ihnen zugleich volle Entscheidungsfreiheit zu lassen. Die Gespräche nach dem Gottesdienst dauern oft genau so lange wie der Gottesdienst selbst, sie gehören dazu. 

Hildegard Roux
Pfarrerin der frankophonen Gemeinde

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