Reformiert | Die Französische Kirche zu Berlin

Die Französiche Kirche zu Berlin – Hugenottenkirche

Die Französische Kirche zu Berlin trägt im Untertitel die Bezeichnung „Hugenottenkirche“. Dies weist auf ihre große und stolze Geschichte hin. Etwa 150 französische Protestanten, die vor den Verfolgungen in Frankreich nach Berlin geflohen waren, schlossen sich mit kurfürstlicher Genehmigung 1672 zu einer Gemeinde zusammen. Nach dem endgültigen Verbot des Protestantismus in Frankreich 1685 und der geregelten Aufnahme in Brandenburg durch das Edikt von Potsdam kamen etwa 6000 Hugenotten allein nach Berlin. Vor allem die Kirche in der ihnen vertrauten Gestalt sorgte für den Zusammenhalt im fremden Land. Bald schon gründete die Gemeinde etliche soziale Einrichtungen, vom Altersheim über die Suppenküche bis zum Hospital und Waisenhaus. Es folgten Schulen und Seminare. 1705 – vor 300 Jahren  – stellten die Hugenotten ihre erste eigene Kirche fertig, die Französische Friedrichstadtkirche auf dem Gendarmenmarkt.

Längst ist die Französische Kirche keine Flüchtlingsgemeinde mehr. Die Hugenotten haben sich im Lauf der Zeit und trotz anfänglich erheblicher Widerstände in die einheimische Gesellschaft integriert. Die Gemeinde ist heute Partner der kleinen reformierten Gemeinschaft innerhalb der evangelischen Landeskirche. Darin aber bewahrt sie sich eine größere Autonomie, indem sie z.B. ihre Kirchensteuern selbst einzieht, ihre Pfarrer nach franz. reformiertem Modus per Urwahl der gesamten Gemeinde wählt und ihre finanziellen Angelegenheiten völlig selbständig regelt.

Der durch die deutsche Teilung und das ungünstige ‚Klima‘ in der DDR bedingte starke Verlust an Gemeindegliedern erforderte einen Wandel der Identität: Die Gemeinde öffnete sich für alle, die an einer reformierten Ausprägung kirchlichen Lebens und gemeindlicher Gestaltung interessiert sind. Man muss kein ‚Hugenottenblut‘ mehr in sich tragen, um zu uns zu gehören. Zwar ist der größte Teil unserer heute ca. 850 Gemeindeglieder noch hugenottischer Abstammung.

Es kommen jedoch immer mehr Menschen aus anderen – sehr unterschiedlichen – Gründen zu uns. Trotz der Überalterung unseres Mitgliederstandes gelingt es, die Zahl der Gemeindeglieder etwa konstant zu halten.

Mit dem Französischen Dom auf dem Gendarmenmarkt haben wir ein Gebäude mit großer Ausstrahlungskraft. Obwohl wir die Kirche nicht allein nutzen können und wollen, sondern sie mit der Ev. Kirchengemeinde in der Friedrichstadt, der Ev. Akademie und anderen teilen, wird diese Kirche doch in erster Linie mit uns und den Hugenotten in Verbindung gebracht. Dort begegnet uns täglich ein sehr großes Interesse an unserer Geschichte. Dieses Interesse zu einem Interesse für das Evangelium, um das es uns als lebendige Gemeinde heute gehen muss, zu transformieren, ist keine leichte Aufgabe.

Derzeit unterhalten wir noch ein Gemeindezentrum aus den 60er Jahren in Halensee, das etwas versteckt liegt und dem es an Ausstrahlungskraft mangelt. Daher wollen wir dieses mittelfristig aufgeben und uns ganz auf den Gendarmenmarkt konzentrieren, denn dort sind wir sichtbar mitten in der Öffentlichkeit. Die Kirche darf sich nicht verstecken, sie muss sich stolz und selbstbewusst präsentieren. Dies wird uns nur am Gendarmenmarkt gelingen, obgleich dort unsere Präsens auch vom Wohlwollen anderer abhängt, bei der Friedrichstadtkirche von der Kooperation mit den anderen Nutzern und beim Dom vom Entgegenkommen der staatlichen Behörden, die Eigentümer des Turms sind.

Impulse erhalten wir auch vom französisch-sprachigen Gemeindeteil, der Communauté francophone, die uns seit zehn Jahren bereichert. Hier versammeln sich jeden Sonntag französischsprachige Protestanten aus aller Welt (meist aus Afrika) und einheimische Francophile zu gemeinsamen Gottesdiensten.

Wie gewinnt die Französische Kirche aus ihrer stolzen und interessanten Geschichte Kraft für die Zukunft – das ist die Frage, die wir beantworten müssen.

Dr. Jürgen Kaiser
Pfarrer an der Französischen Kirche

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