Reformiert | Kirche in der Uckermark

Kirche in der Uckermark

Man kann es drehen und wenden, wie man will – von Berlin aus gesehen, ist die Uckermark „Jwd“. Aber dieses ‚weit weg‘ von der Großstadt hat seinen eigenen Charme. Das wissen mittlerweile auch die vormaligen West-Berliner; die aus der anderen Stadthälfte wussten es schon immer. Und so trifft man denn in den alten Bauernkaten und vormaligen Scheunen auf die vielen Berlin-Flüchter: Autoren, Schauspieler, Banker, Ballonfahrer, Lehrer, Lebens-Künstler aller Art – ein buntes Völkchen, das sich zwischen die „Uckermärker“ eingesiedelt hat. Ohne sie wären viele Dörfer dem Verfall preisgegeben. Denn die jungen Menschen ziehen fort, immer noch, der Arbeit nach. Und wer nicht weg gehen will oder kann, nimmt lange Fahrtwege auf sich, im Wochenrhythmus oder sogar täglich.

Kommen und Gehen, sich Einsiedeln und wieder Weiterziehen, das gehört offensichtlich seit Jahrhunderten zu dieser Region. Und so habe ich denn bisher keine Familie getroffen, die von sich sagen konnte: „wir sind alles Uckermärker“. Immer ist einer oder eine dabei, die 1945 von „jenseits der Oder“ kam oder in DDR-Zeiten in einer der LPGs „hängengeblieben“ ist, geheiratet hat. Und unter denen, die von sich sagen „Ich bin Uckermärker“, sind doch etliche Nachfahren hugenottischer bzw. reformierter Zuwanderer, Franzosen, Schweizer, Pfälzer. Sie wurden 1687 durch den Großen Kurfürsten angesiedelt in Bergholz und Umgebung, dreißig Kilometer nordöstlich von Prenzlau (heute zu Mecklenburg-Vorpommern gehörend) und in Beenz, Lindenhagen und Buchholz, vierzehn Kilometer südlich von Prenzlau: die Benthins, Bechlys, Coulons, Hurtiennes, Milleville, Rollins, Sys … Eine nicht minder bunte Mischung als die heutigen Zuwanderer! Bis weit in die 2.Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein waren viele Pastoren, die sich der Gemeinden annahmen, zudem selbst hugenottischer Herkunft. Das prägte und wirkt bis heute nach. Seit den 80er Jahren sind die reformierten Gemeinden Lindenhagen, Beenz und Buchholz mit den lutherischen Gemeinden in Sternhagen und Pinnow zu einem gemeinsamen Pfarrsprengel verbunden, seit November 2003 gehören auch die reformierten Gemeinden in und um Bergholz dazu.

 

 

Die kleine französisch-reformierte Gemeinde in Prenzlau wird demnächst folgen. Der „Pfarrsprengel reformierter und lutherischer Kirchengemeinden in der Norduckermark“ – so lautet sein offizieller Name – ist in unserer Landeskirche etwas Einzigartiges; er bringt in gemeinsamem Dienst zusammen, was über Jahrhunderte „unvereinbar“ erschien. „Lutheraner“ und „Reformierte“, friedlich und schiedlich, und betreut von einem Pfarrer, der zum Reformierten Kirchenkreis gehört und den Gottesdienst – je nach Prägung der Gemeinde – mal nach der reformierten oder nach der lutherischen Liturgie leitet. Sage einer noch, die Reformierten seien „Konfessionalisten“!Die große Entfernung zwischen den beiden Teilen des Pfarrsprengels nördlich und südlich von Prenzlau (40–50 km) macht natürlich eine besondere Planung notwendig. Die Gottesdiensttermine müssen aufeinander abgestimmt werden, ebenso die Bibel – und Gesprächsabende. In Lindenhagen trifft sich zudem zweimal im Monat eine Kindergruppe; hier befindet sich auch ein „Jugendtreff“, der zweimal wöchentlich von Jugendlichen besucht wird, die sich ansonsten – wie überall im Brandenburgischen – an der „Bushalte“ treffen.

Denn die Gemeinden zu öffnen und auf die zuzugehen, die in der dritten Generation nicht mehr „kirchlich gebunden“ sind, das ist die dringlichste Aufgabe der nächsten Jahre. Die „Kirchenfernen“ sind ansprechbar. Der neue Pfarrer (oder die neue Pfarrerin) muss jedoch hier den Schwerpunkt setzen; zumal er oder sie als „Zugewanderter“ nicht mit der Vergangenheit belastet ist (im Dorf weiß man bekanntlich alles von einander !). Wenn wir uns nur auf die kleine Schar der „Treuen“ zurückziehen, deren kirchliche Binnensprache uns geläufig und vertraut ist, dann heißt es irgendwann: „Der letzte macht das Licht aus!“ Der Altersdurchschnitt ist in den Gemeinden sehr hoch; die Zahl der unter 30jährigen gering! Der Heilige Geist ist keine Zimmerpflanze, hat Kurt Marti einmal gesagt. Soll heißen: wer dem Geist Gottes vertraut, wird sich nicht in das Bestehende einrichten. Kachelofenkuscheligkeit ist zwar etwas schönes, aber sie kann nicht das Maß, schon gar nicht das Ziel unserer Arbeit sein.

Dr. Bernd Krebs

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