Reformiert | Reformierte Gemeinden in unserer Landeskirche

Reformierte Gemeinden in unserer Landeskirche

„Wir leben aus dem Einen“ – Der sich für seine Jungen aufopfernde Pelikan ist seit alters Sinnbild der sich hingebenden Liebe Jesu Christi.

 

Es gibt Landstriche in Deutschland, da ist es völlig selbstverständlich, reformiert zu sein. Ostfriesland und die Grafschaft Bentheim z.B. stellen Kerngebiete der ‚Reformierten Volkskirche‘ dar. Hier bei uns in der Evangelischen Kirche Berlin, Brandenburg und schlesische Oberlausitz (EKBO) stellen die Reformierten eine Minderheit dar. Sie leben in der Diaspora (verstreut), umgeben von den überwiegend lutherisch geprägten Gemeinden.
Dass es die reformierten Gemeinden überhaupt gibt, verdanken sie der Zuwanderung von Glaubensflüchtlingen und Kolonisten während des 17. und 18. Jahrhunderts sowie dem brandenburgisch-preußischen Herrscherhaus. Menschen aus der Schweiz, aus Holland, aus der Pfalz , aus Böhmen und aus Frankreich fanden hier Zuflucht und konnten eigene Gemeinden bilden.
Heute sind die reformierten Gemeinden innerhalb der EKBO selbstständig organisiert. Die geistliche Leitung übernimmt das Reformierte Moderamen, dessen Mitglieder von der Synode gewählt werden. Für die rechtliche Verwaltung ist der Kreiskirchenrat zuständig. Alle reformierten Gemeinden sind in einem Kirchenkreis mit insgesamt zehn Pfarrstellen verbunden.
Im Gegensatz zu den Ortsgemeinden (zu denen man durch Zuzug automatisch gehört) handelt es sich bei den reformierten Gemeinden um Personalgemeinden. Das bedeutet, dass jede/r, die/der sich der reformierten Bekenntnis verbunden fühlt, unabhängig vom Wohnort sich einer Gemeinde anschließen kann.
In den folgenden Gemeindenbriefen stellen wir jeweils reformierte Gemeinden vor – mit der Hoffnung, dass auch wir Reformierten untereinander mehr erfahren und weiter zusammenwachsen können. Wir beginnen mit der französisch-reformierten Gemeinde Potsdam.

Fünf Fragen an Hildegard Rugenstein, Pfarrerin der französisch-reformierten Gemeinde Potsdam

Was ist der Ursprung der reformierten Gemeinde in Potsdam?
Die Gemeinde ist eine Hugenottengemeinde. Der erste französische Gottesdienst fand 1723 statt, das war über 40 Jahre nach dem Einwanderungsedikt von 1685. Seit 1753 hat die Gemeinde ihre eigene Kirche, die ihr von Friedrich II. geschenkt wurde. Die Gemeinde hatte damals gut 100 Mitglieder, ihr gehörten etwa 10–15 Hugenottenfamilien an. Die Gemeinde war also immer eine kleine, überschaubare Personalgemeinde und hat heute eher mehr Mitglieder als zur Gründungszeit. Etwas größer war sie nur im 19. Jahrhundert, als die reformierte Gemeinde von Spandau dazugehörte und zeitweise zwei Pastoren angestellt waren.  

Wer ist heute Mitglied der Gemeinde?
Etwa ein Drittel der Mitglieder sind Nachkommen aus Hugenottenfamilien. Eine weitere Gruppe stellen Mitglieder der deutsch­reformierten Gemeinden: Die evangelischen Gemeinden Potsdams waren zeitweise zu einem Drittel deutsch-reformiert, die reformierten Gemeinden sind inzwischen aber alle in der Union aufgegangen und nicht mehr als reformierte erkennbar. Einige der Mitglieder dieser Gemeinden sind vor allem in der siebziger Jahren zur Französischen Gemeinde gewechselt, andere Reformierte sind nach der Wende aus den alten Bundesländern nach Potsdam gezogen. Die Gemeinde hat aber vor allem neue Mitglieder, die aus Interesse an einer modernen reformierten Gemeinde in den letzten Jahren hinzugestoßen sind und ganz unterschiedliche Hintergründe haben: Katholiken, Atheisten, Lutheraner.

Von weniger als hundert Mitgliedern ist die Gemeinde in den letzten zehn Jahren auf etwa 170 gewachsen, die größte Altersgruppe ist zwischen 30 und 50, es gibt relativ viele Familien mit Kindern, aber verhältnismäßig wenige in der Altersgruppe 60–95. 

Was sind die Aktivitäten der Gemeinde?
Wo soll ich anfangen? Die Gemeindeaktivitäten sind zahlreich, alle ehrenamtlich – bis auf die (bisher halbe) Pfarrstelle. Es sei hier besonders auf die Homepage verwiesen: www.reformiert-potsdam.de.
Die Gemeinde feiert nicht jeden Sonntag Gottesdienst, die Gottesdienste werden aber sehr intensiv von jeweils einer Gruppe vorbereitet, es gibt hierfür Bibelseminare, ein Predigtteam, die Junge Gemeinde, den Tauf- und Konfirmandenunterricht, die Christenlehregruppe und Kleinkindergruppe. Der ehrenamtliche Organist Christoph Förste organisiert zusätzlich noch Konzertreihen. Zu besonderen Gelegenheiten bildet sich ein Projektchor.
Ein schon altes Projekt ist der Eine-Welt-Laden (seit Dez.89), dessen Gewinne direkt an das Schulprojekt ITAMBA in Tansania gehen.
Im nächsten Jahr wird es dank Otto Schäfer-Guignier wieder verstärkt frankophile Aktivitäten geben: zu zweisprachigen Gottesdiensten, französischen Themenabenden und französischen Essen trifft sich ein offener Freundeskreis der Gemeinde. Die Französische Kirche am Bassinplatz ist in der warmen Jahreszeit täglich 13.30 bis 17.00 Uhr geöffnet, hierzu gibt es Weiterbildungen für die ehrenamtlichen TempelwächterInnen.
Da nicht jeden Sonntag Gottesdienste stattfinden ist auch Zeit für Gemeindeausflüge und Radtouren zu anderen reformierten Gemeinden in der Umgebung. So wurde im vergangenen Jahr zum Beispiel die reformierte Gemeinde in Angermünde besucht.

Was ist das Besondere an der Gemeinde?
Die Gemeinde sucht intensiv ihr Profil in Anlehnung an die französische Tradition und in ständigem Bemühen, diese Tradition für heute fruchtbar zu machen. Wir vertrauen darauf, dass  das Wort Gottes in den Geschichten der Bibel uns viel zu sagen hat. Die Gemeinde ist ja in einer für uns heute unvorstellbaren Krise – auf der Flucht aus Frankreich und beim Neuanfang in Potsdam – entstanden, und das macht sie heute im Wesentlichen hoffentlich „krisensicher“, auf jeden Fall aber dankbar für alles, was sie heute gemeinsam Gemeinde sein lässt. Es wird sehr gerne und viel gesungen, zunehmend auch wieder Hugenottenpsalmen.

Was sind die wichtigsten aktuellen Themen, die in der Gemeinde behandelt werden?
Das Thema der Bibelarbeiten sind seit einiger Zeit die zehn Gebote, die traditionell im Gottesdienst gelesen werden – bisher immer in der Lutherübersetzung. Die Gemeinde hat in einem Bibelseminar eine eigene wortgetreue, verständliche Übersetzung erarbeitet, die inzwischen in den Gottesdiensten erprobt wird und weiter verbessert werden soll. Es wird eine Predigtreihe hierzu geben unter der Überschrift: Die zehn Worte der Weisung für die aus der Knechtschaft Befreiten.
Ein immer aktuelles Thema ist die Internetseite, in die viel Arbeit und Herzblut fließt. (Und als Anmerkung von uns Bethlehemern: Reinschauen lohnt sich wirklich sehr!)
Im Rahmen der Aktivitäten des Eine-Welt-Ladens ist vor kurzem die Idee einer Regionalen Währung entstanden: In einer Art Mischung aus interner Währung und Tauschring sollen Mitglieder, die ihr Können und ihre Zeit in den Dienst der Gemeinde stellen, einen Anspruch auf andere Dienste und Waren innerhalb der Gemeinde erwerben. Das wird immer wichtiger, da die sozialen Umwälzungen in der Gesellschaft auch an dieser Gemeinde nicht spurlos vorüber gehen und es immer mehr Langzeitarbeitslose und wirtschaftlich nicht gut gestellte Mitglieder gibt und geben wird.

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