Termine | Unterwegskreis

Evangelische Kirche zwischen Aufklärung und Romantik

Ein vergessenes Kapitel der Berlin-Brandenburgischen Geschichte
‚Unterwegskreis‘ am Mittwoch 16. Februar 2011 um 20 Uhr mit Dr. Martin Völker


In der Vorrede zur zweiten Auflage seines populären Buches „Der Mensch“ (1818) nennt der Erbauungsphilosoph und Politiker Maximilian Grävell (1781–1860) Immanuel Kant und Martin Luther als seine Vorbilder. Er vertritt die durchaus streitbare Auffassung, dass Kant der Vater des „Protestantismus in der Philosophie“ sei. Unter der Ägide des  Theologen und Philosophen Gotthelf Samuel Steinbart (1738–1809) war Grävell in Züllichau, damals geistiges Zentrum der ostbrandenburgischen Gebiete, an einer dem Geist der Aufklärung verpflichteten Lehranstalt erzogen worden.

Heute sind Grävell, Steinbart und die meisten schreibenden und publizierenden evangelischen Prediger, die in Berlin, in Brandenburg und in der Neumark Ende des 18. und am Anfang des 19. Jahrhunderts tätig waren, nahezu vergessen.  Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie sich, verbunden durch die Institution der Ev. Kirche und gegründet im evangelischen Glauben, die Kernthemen der Aufklärung (Vernunft, Bildung, Freiheit, Toleranz und Humanität)  angeeignet und diese weiter verbreitet haben.

Sie reagierten auf die wechselnden geistigen Epochenfragen, auf politische Ereignisse wie die Französische Revolution,  die Befreiungskriege oder auf die Restauration. Die von ihnen veröffentlichten Werke aus den Bereichen Theologie,  Philosophie, Ästhetik, Natur- und Gesellschaftswissenschaft haben die Zeitläufte zumeist überstanden und sind heute  neu zu entdecken. Unser Gemeindemitglied und stellvertretender Presbyter Dr. Martin A. Völker, Kulturwissenschaftler an der Humboldt-Universität, wird uns einen Einblick in diesen Zeitraum und seine Akteure geben und mit den  Vergessenen und Marginalisierten zugleich die Orte ihres Handelns, die Pfarrhäuser, -bibliotheken, Kirchen,  Waisenhauser und Lehranstalten in die Erinnerung zurückholen.

Wie veränderte sich die protestantische Frömmigkeit angesichts neuer wissenschaftlicher Erkenntnis? Wie wurden  Glauben, Wissen und Gefühl zueinander in Beziehung gesetzt? Was leistete die Predigt als Mittel der Weitergabe?  Welche Wirkungen hatte die Erbauungsliteratur? Da die Theologie des 19. Jahrhunderts gegenwärtig an vielen Ev.  Fakultäten und in der kirchlichen Praxis eine Renaissance erlebt, ist es interessant, nach den Anfängen zu fragen.